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Ken Wilber: Über Gott und Politik

Nach dem Erwachen, philosophischer Austausch zu "Evolution von Erleuchtung", individuelle und kollektive Weiterentwicklung, Zukunft der Menschheit und Zukunft der Erde. Alpha bis Omega, Aurobindo bis Wilber, x, y, Z ...und darüber hinaus.
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Ken Wilber: Über Gott und Politik

Beitragvon Norbert » Do 14. Okt 2010, 09:12

Weil es viel Text ist, poste ich das in diesem (nicht öffentlichen) Forum. Hier sehe ich es nicht als "Veröffentlichung", sondern als eine Art Vorlesestunde unter Freunden mit Empfehlung, bei Interesse an diesem Thema dieses Buch zu kaufen und zu lesen.


______________

Ken Wilber
Über Gott und Politik
aus dem Buch
"Das Wahre, Schöne, Gute. Geist und Kultur im 3. Jahrtausend"

In der modernen westlichen Gesellschaft ist das drängendste politische
Problem unserer Zeit die Frage, wie man die Tradition des Liberalismus mit
einer echten Spiritualität verbinden kann. In der Geschichte gab es bisher
keine brauchbaren Ansätze zur Verbindung dieser beider Stränge
menschlichen Strebens. Im Gegenteil – der moderne Liberalismus (und
überhaupt die ganze europäische Aufklärung) entstanden in weiten Teilen
gerade als Gegenbewegung zur traditionellen Religion. Voltaires Schlachtruf
"Vergesst die Grausamkeiten nicht!" hallte über den ganzen Kontinent:
Vergesst die Grausamkeiten nicht, die Menschen im Namen Gottes zugefügt
wurden, und lasst diese Unmenschlichkeiten und diesen Gott ein für allemal
hinter euch.

Damit blieb Religion weitgehend den Konservativen überlassen. Und
deshalb sehen wir bis heute zwei schwerbewaffnete Lager, die einander mit
tiefem Misstrauen gegenüberstehen.

Das eine Lager ist dasjenige der Liberalen, die für die Rechte und
Freiheiten des Individuums gegenüber der Tyrannei des Kollektivs eintreten
und daher gegenüber allen religiösen Bewegungen einen tiefen Argwohn
hegen, weil diese immer bereit sind, anderen ihre Überzeugungen
aufzudrängen und ihnen vorzuschreiben, wo sie ihr Seelenheil zu suchen
hätten. Der Liberalismus der Aufklärung ist geschichtlich eine
Gegenbewegung zu religiöser Tyrannei, und das tiefe Misstrauen, ja der Hass
auf alles Religiöse und Spirituelle, auf alles, was irgendwie mit dem
Göttlichen zu tun hat, ist ihm unauslöschlich eingeprägt.

Deshalb neigten und neigen Anhänger des Liberalismus dazu, der
Erlösung durch Gott eine Erlösung durch die Ökonomie vorzuziehen. Wahre
Befreiung und Freiheit ist ihrer Meinung nach nicht in irgendeinem
ungreifbaren Jenseits (oder einem anderen Opium für das Volk) zu finden,
sondern vielmehr in konkreten Fortschritten auf dieser Erde, womit zunächst
einmal die Befriedigung der materiellen und wirtschaftlichen Bedürfnisse
gemeint ist. "Progressiv" und "liberal" wurden oft gleichbedeutend gebraucht,
weil Fortschritte in den konkreten gesellschaftlichen Bedingungen –
wirtschaftliche, materielle, politische Freiheit – den Kern des Liberalismus
ausmachten.

An die Stelle der Tyrannei des Kollektivs setzte der Liberalismus einen,
wenn man dies so sagen kann, "universellen Individualismus", die Forderung,
dass jeder Mensch ohne Ansehen seiner Rasse, seines Geschlechts, seiner
Hautfarbe oder seiner Religion unparteiisch, gerecht und gleichberechtigt
behandelt werden müsse. Der Mensch ohne die Tyrannei der Gemeinschaft,
der seine wirtschaftliche und politische Freiheit genießen kann – dies hat sich
der Liberalismus auf seine Fahnen geschrieben.

Niemand wird in Frage stellen wollen, dass dieser Liberalismus sehr viel
Gutes bewirkt hat. Die Kehrseite war allerdings, dass nur allzu oft religiöse
Tyrannei schlicht durch ökonomische Tyrannei ersetzt wurde und der Gott
des allmächtigen Geldes an die Stelle des Gottes des Papstes trat. Die Seele
konnte jetzt nicht mehr von Gott zerbrochen werden, dafür aber von der
Fabrik. Das Wichtigste im Leben war nicht mehr die Beziehung zum
Göttlichen, sondern vielmehr die Beziehung zum eigenen Einkommen. Und so
konnte es mitten im wirtschaftlichen Überfluss geschehen, dass die Seele
langsam verhungerte.

Deshalb beziehen im anderen Lager die Konservativen Position, die einer
bürgerlichen humanistischen Tradition verpflichtet sind, der zufolge der
Mensch in seinem Innersten auf gemeinschaftliche Standards und Werte
einschließlich religiöser Werte angewiesen ist. Die republikanische und die
religiöse Gesinnung sind in den meisten Formen des Konservatismus eng
miteinander verwoben, so dass Konservative auch dann, wenn sie
nachdrücklich für die individuellen Rechte und die "Freiheit gegenüber der
Regierung" eintreten, dies nur unter dem Vorbehalt tun, dass diese
"Freiheiten" im Einklang mit ihren religiösen Grundsätzen stehen müssen.

Die Betonung der Werte der Gemeinschaft und der Familie erlaubt es
Konservativen, kraftvolle Nationen zu bilden, oft aber zu Lasten derjenigen,
die eine andere religiöse Orientierung haben. Hinter dem konservativen
Lächeln versteckt sich nicht selten kulturelle Tyrannei, und die Liberalen
wenden sich mit Grausen vor den Beteuerungen der Konservativen, dass sie
alle Kinder Gottes lieben, denn leider hat man durchaus nichts zu lachen,
wenn man nicht Kind ihres Gottes ist.

Vereinfachend könnte man also sagen, dass es sowohl im liberalen als
auch im konservativen Lager etwas "Gutes" und etwas "Tyrannisches" gibt,
und es wäre offensichtlich ideal, wenn man das Gute von beidem bewahren
und das jeweilige Tyrannische abschaffen könnte.

Das Gute am Liberalismus ist seine Betonung der individuellen Freiheit
und die Ablehnung der Herdenmentalität. In seinem Eifer, die individuellen
Freiheiten zu schützen, hat jedoch der Liberalismus oft gemeinschaftliche
Werte wie etwa Religion und Spiritualität verworfen und eine ausschließliche
Hinwendung zu materiellen und wirtschaftlichen Aktivitäten an ihre Stelle
gesetzt. Wirtschaftliches Streben ist als solches durchaus nichts Schlechtes,
aber es trägt zu einer liberalen Atmosphäre bei, in der man sich über alles
mögliche Gedanken machen kann, nur nicht über seine Seele. Religiöse
Themen sind in liberalen Kreisen immer ein wenig anrüchig. Kant war ganz
der Sprecher der liberalen Aufklärung, als er zu der neuen Haltung
gegenüber Gott sinngemäss sagte, jeder müsse peinlich berührt sein, der von
einem anderen betend auf Knien überrascht werde.

(Es ist vermutlich folgende Stelle gemeint: "Die Wahrheit der letzteren
Anmerkung wird ein jeder bestätigt finden, wenn er sich einen frommen und
gutmeinenden, übrigens aber in Ansehung solcher gereinigten
Religionsbegriffe eingeschränkten Menschen denkt, den ein anderer, ich will
nicht sagen, im lauten Beten, sondern auch nur in der dieses anzeigenden
Gebärdung überraschte." [Kant: Die Religion innerhalb der Grenzen der
bloßen Vernunft, S. 371.] Anm. d. Übs.)


In der Atmosphäre des wirtschaftlichen und politischen Liberalismus ist
alles Spirituelle und Religiöse nach wie vor verpönt. Wie ich gleich zu zeigen
versuche, liegt dies an unserer mythischen und dürftigen Auffassung vom
Geist. Eines ist jedenfalls klar: Der Liberalismus hatte die geschichtliche
Aufgabe, Gott zu töten, und man muss ihm bescheinigen, dass ihm dies recht
gut gelungen ist, weshalb dort, wo Liberalismus herrscht, auch eine
geistfeindliche Tyrannei nicht weit ist.

Der Vorzug des Konservatismus ist seine Einsicht, dass man bei aller
Bedeutsamkeit des Individuums und seiner individuellen Freiheiten einem
schweren Irrtum erliegt, wenn man das Individuum für eine isolierte Insel
hält. Das Individuum ist vielmehr zwangsläufig in einen innigen Kontext der
Familie, der Gemeinschaft und des Geistes eingebunden, und es hängt sogar
seine ganze Existenz von diesen tiefen Zusammenhängen und Verbindungen
ab. Auch wenn man daher auf seine Individualität pocht, hängen die tiefsten
Werte nicht in einem selbstverliebten Verständnis von Autonomie von der
Beziehung zu einem selbst ab, sondern von der Beziehung zur Familie, zu
den Freunden, zur Gemeinschaft und zum eigenen Gott. Wenn man diese
tiefen Verbindungen leugnet, stört man damit nicht nur das Gefüge der
Gemeinschaft und gibt es dem Chaos des Hyperindividualismus preis,
sondern man zerreißt damit auch die tiefste aller Verbindungen, nämlich
diejenige zwischen einer menschlichen Seele und einem göttlichen Geist.

Ja, aber welcher Gott soll denn damit gemeint sein? – antwortet der
Liberale hierauf. Denn wie unbestreitbar wahr alle diese konservativen
Auffassungen in der Theorie sind, so waren geschichtlich doch dort, wo eine
bestimmte Religion mit einem bestimmten Moralkodex tatsächlich praktiziert
wurde, die Hexenprozesse niemals weit. Die Betonung der Gemeinschaft und
des spirituellen Zusammenhangs und Zusammenhalts führt nur allzu schnell
in eine Haltung, die "meine" Gemeinschaft, "meinen" Gott, "mein" Land über
alles stellt, und wer meinem Gott nicht anhängt, kommt in die Hölle – wobei
ich gern etwas Hilfestellung leiste. Die konservative Haltung ist einer mehr
oder weniger unverhüllten kulturellen Tyrannei niemals fern.

Sollte es nicht möglich sein, diese kulturelle Tyrannei des Konservatismus
über Bord zu werfen und zugleich seine Stärke zu erhalten, insbesondere
seine Spiritualität? Und könnte es nicht eine Möglichkeit geben, die Stärke
des Liberalismus (die individuelle Freiheit) zu wahren und die Tyrannei der
Geistfeindlichkeit über Bord zu werfen?


Kurz, könnte es nicht einen spirituellen Liberalismus geben? Einen
spirituellen Humanismus?


Eine Haltung, die die Rechte des einzelnen in einen
tieferen spirituellen Zusammenhang stellt, durch den diese Rechte nicht
geleugnet, sondern vielmehr begründet werden? Könnte eine neue
Auffassung von Gott, vom Geist, sich nicht in den edelsten Zielsetzungen des
Liberalismus wiedererkennen? Könnten diese beiden modernen Feinde, Gott
und der Liberalismus, in irgendeiner Weise eine gemeinsame Basis finden?

Ich glaube, dass es für die moderne und postmoderne Welt keine
dringlichere Frage gibt als diese. Eine konservative Spiritualität allein wird die
Welt weiterhin spalten und zersplittern, weil man mit dieser Haltung
Menschen nur dann zur Einheit bringen kann, wenn man sie zu seinem
jeweiligen Gott bekehrt, und ob dieser Gott Jehovah, Allah, Shinto oder Shiva
heißt, spielt überhaupt keine Rolle: In ihrem Namen werden Kriege geführt.

Vielmehr geht es darum, die Vorzüge der liberalen Aufklärung zu
erhalten, sie aber zugleich in den Kontext einer Spiritualität einzubinden, die
den sehr konkreten und sehr präzise formulierten Einwendungen der
Aufklärung die Spitze abbricht und eine Antwort auf sie gibt. Es wird eine
Spiritualität sein, die auf der Aufklärung ruht, statt sie zu bekämpfen. Es
wird, mit anderen Worten, ein liberaler Geist sein.

Ich meine, dass die auf den folgenden Seiten umrissene spirituelle
Orientierung ein Schritt in diese Richtung ist. In gewissem Sinne sind alle
meine Bücher (insbesondere "Das Atman-Projekt", "Halbzeit der Evolution", "Die
drei Augen der Erkenntnis", D"er glaubende Mensch", "Eros, Kosmos, Logos" und
"Eine kurze Geschichte des Kosmos") Vorreden zu genau diesem Thema: Der
Suche nach einem liberalen Gott, einem liberalen Geist, einem spirituellen
Humanismus oder einer humanistischen Spiritualität oder wie auch immer
man letztlich den Kern einer solchen Orientierung nennen will.

Ob es einen liberalen Gott geben kann, hängt vor allen Dingen von der
Antwort auf die Frage ab, wo man den Geist ansiedeln will. Mit diesem
Thema werde ich mich ausführlich im letzten Kapitel befassen, und in
späteren Büchern soll dieses Thema noch eingehender behandelt werden.
Aber das allgemeine Thema "Gott und Politik" entscheidet sich, wie ich
glaube, an eben jenen theoretischen Fragen, die wir auf den folgenden
Seiten erörtern werden, und diese Diskussion muss geführt werden, bevor
man darangehen kann, die eigentlichen politischen Konturen mit einiger
Überzeugungskraft darzustellen. In diesem Buch soll also (als Teil meiner
"Vorreden") das Thema Politik und Spiritualität nicht weiter explizit verfolgt
werden, auch wenn es ständig im Hintergrund vorhanden ist.

Statt dessen soll in den folgenden Kapiteln zunächst die "spirituelle
humanistische" Orientierung auf Themen wie Psychologie, Philosophie,
Anthropologie und Kunst angewandt werden. Ich bezeichne diesen Ansatz als
integral. Integral bedeutet zusammenfassend, einschließend, umfassend,
ausgewogen;

es geht darum, diese integrale Orientierung auf die
verschiedenen Gebiete menschlichen Erkennens und Strebens anzuwenden,
wozu auch die Integration von Wissenschaft und Spiritualität gehört.


Dieser integrale Ansatz ist nicht nur für die Politik von Bedeutung: er führt zu
tiefgreifenden Veränderungen unserer Auffassung von Psychologie und dem
menschlichen Geist, von Anthropologie und der Geschichte der Menschheit,
von Literatur und der Bedeutung des Menschen, von Philosophie und dem
Streben nach Wahrheit. All dies wird, wie ich glaube, von einem integralen
Ansatz nachhaltig verändert, der versucht, das Beste dieser Gebiete in einem
beide Seiten bereichernden Dialog zusammenzuführen. Das vorliegende Buch
ist eine Einführung in eine solche integrale Sichtweise.

Über zwei Drittel des nachfolgenden Materials wurden speziell für dieses
Buch geschrieben und erscheinen hier zum ersten Mal. In dieses neue
Material habe ich einige frühere Aufsätze eingestreut, die unmittelbar mit den
verschiedenen Themen zusammenhängen. Aber auch diese sind überarbeitet,
weshalb ich dieses Buch für alle praktischen Zwecke als ein neues Buch
betrachte. Dennoch kann man jedes Kapitel als relativ selbständigen Aufsatz
betrachten, da sich jedes einem bestimmten Thema – von Psychologie über
Philosophie und Anthropologie bis zu bildender Kunst und Literatur – widmet
und dieses aus einer integralen Sichtweise untersucht. In der Einleitung wird
die Bedeutung des Begriffs "integral" erläutert und die dahinterstehende
Philosophie dargestellt (wie es auch Jack Crittenden in seinem Vorwort tut).
In gewisser Weise ist die Einleitung der wichtigste und anspruchsvollste Teil.
Sollte der Leser sie als "ein bisschen heavy" empfinden, kann er sie einfach
kurz überfliegen und sich dann Kapitel 1 zuwenden, das sich in wesentlich
einfacheren Begriffen mit der integralen Psychologie befasst. Kapitel 2 ist der
integralen Anthropologie und Kapitel 3 der integralen Philosophie gewidmet.
Wenn man nach der Lektüre des ganzen Buchs die Einführung noch einmal
lesen will, könnte dies dem Gesamtverständnis dienlich sein.

In Kapitel 4 und 5 wird eine integrale Kunsttheorie vorgelegt, und dies
sind vielleicht meine persönlichen Lieblingskapitel. Es gibt wohl kaum ein
verrückteres Gebiet als die Literaturkritik, die überladen ist mit politischen
Agenden, welche als "Deutungsmethoden" daherkommen, und vollgestopft
mit konstruierter Dekonstruktion, postimperialem Imperialismus,
antifemininem Feminismus, universellem Anti-Universalismus und was es
dergleichen Selbstwidersprüche mehr gibt. Die Kunst-und Literaturtheorie
mag als eher begrenztes, exotisches Spezialgebiet erscheinen, und doch
glaube ich, dass gerade hier eine jede integrale Theorie die Nagelprobe
bestehen muss.

In der Zeitschrift "ReVision Journal "erschien vor kurzem eine dreiteilige
Serie, die sich mit meinem Werk im allgemeinen und insbesondere mit Eros,
Kosmos, Logos befasste. Kapitel 6, 7, 8 und 9 basieren teilweise auf meiner
Antwort auf diese Aufsätze. Diese Kapitel sollten chronologisch gelesen
werden, da andernfalls der Sinnzusammenhang nicht deutlich ist. Jedoch ist
in ihnen alles Nötige gesagt, so dass man nicht die ursprünglichen Artikel in
ReVision zu lesen braucht, um dem Thema folgen zu können.

Da ich gebeten wurde, auf bestimmte Themen eine persönliche Antwort
zu geben, enthalten diese Kapitel außerdem eine mehr oder weniger
historische Zusammenfassung meiner eigenen Arbeit. Ich erörtere einige
meiner wichtigsten Bücher und die darin vorgelegten Hauptgedanken, nenne
die Daten und Umstände ihrer Entstehung und vergleiche sie mit anderen
zum damaligen Zeitpunkt aktuellen Ansätzen. Im Grunde widerstrebt mir eine
solche Selbstbespiegelung, aber ich sah in diesem speziellen Fall keine
andere Möglichkeit der Darstellung. Ich bezeichne dabei die Hauptphasen
meines Werks als Wilber I, Wilber II, Wilber III und Wilber IV, womit ich
meinen Ergüssen recht selbsteingenommen die Aura der Bedeutsamkeit
verleihe.

Wie schon in meinen früheren Büchern empfehle ich dem Leser, die
Anmerkungen getrennt zu lesen, da sie sonst den Lesefluss zu sehr stören.

Die beiden letzten Kapitel, 11 und 12, sind der Frage gewidmet, wo
genau der Geist seinen Sitz hat. Diese Kapitel befassen sich nicht
ausdrücklich mit politischen Fragen, doch ist das Thema wiederum eine
Vorrede hierzu. Denn daraus, wo wir den Geist ansiedeln, entstehen immer
politische Agenden. Suchen wir den Geist im Patriarchat, beim Großen Gott?
Suchen wir ihn im Matriarchat, bei der Großen Göttin? Suchen wir ihn in
Gaia? In verflossenen romantischen Zeiten? In einer Offenbarung, die einem
bestimmten Volk gegeben wurde? Oder suchen wir ihn in einem großen
Punkt Omega, auf den wir alle zueilen?

Ich werde zu zeigen versuchen, dass alle diese Antworten falsch sind.
Mehr noch, alle diese Antworten führen ausnahmslos in eine politische
Tyrannei, weil sie alle behaupten, dass der Geist an manchen Orten sei und
an anderen nicht – und sobald man eine solche Trennlinie zieht, warten
schon die Gaskammern auf diejenigen, die nicht auf unserer Seite des Zauns
stehen.

Einen liberalen, befreiten und befreienden Geist findet man auf keinem
dieser Wege. Wo siedeln wir den Geist an: Dies ist die große Frage unserer
Zeit. Und dies ist die zentrale Frage für die Suche nach einem liberalen Gott.

Auf den folgenden Seiten will ich versuchen, den einen Ort des Geistes
deutlich zu machen, der niemandem Leid zufügt, alles umschließt und sich
mit größter Klarheit ausspricht, der nichts von seiner Fürsorge ausnimmt
noch seine Zuwendung auf wenige Auserwählte beschränkt, der weder sein
Antlitz im geschlossenen Zirkel der "wahren Gläubigen" verbirgt noch seine
Wohnstätte in einer bestimmten Örtlichkeit nimmt, sondern aus demjenigen
blickt, der jetzt diese Zeilen liest – zu offensichtlich, als dass man es
übersehen, zu einfach, als dass man es beschreiben, zu selbstverständlich,
als dass man es glauben könnte.

Im Auge des Geistes werden wir alle einander begegnen, und ich werde
Sie dort finden und Sie mich, und das Wunder ist, dass wir einander
tatsächlich finden. Dass dies geschieht, ist zweifellos einer der schlichtesten
Beweise für Gottes beharrliche Existenz.

K.W.
Boulder, Colorado
Norbert
 

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Re: Ken Wilber: Über Gott und Politik

Beitragvon Edgar » Do 14. Okt 2010, 10:26

Allein schon den Titel find ich genial...
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Re: Ken Wilber: Über Gott und Politik

Beitragvon Norbert » Sa 16. Okt 2010, 11:29

Noch ein weiterer Text aus diesem faszinierenden Buch von Ken Wilber.
Allgemeine und Wilber-spezifische Fachbegriffe sowie Personenangaben habe ich
soweit das möglich war mit Wiki-Links versehen. Einzelne Textstellen, die mir
persönlich als "markant" erscheinen, habe ich blau hervorgehoben.

Dieser Text kann gerne kommentiert und diskutiert werden. Ich bitte jedoch darum,
den Text vorher ganz zu lesen und zu verinnerlichen, weil Teilaspekte das von Wilber
angestrebte integrale Gesamtkonzept zerstören.


Kapitel 1 Das Spektrum des Bewusstseins
Integrale Psychologie und die Philosophia perennis

....

Wie schon gesagt, sind die großen Weisheitstraditionen der Welt im
Grunde Variationen der Philosophia perennis, der großen Holarchie des Seins.

In seinem großartigen Buch "Forgotten Truth" benutzt Huston Smith einen
Ausdruck, der nach seiner Auffassung auf alle großen Religionen der Welt
zutrifft: "Hierarchie des Seins und Erkennens". Chögyam Trungpa Rinpoche
schreibt in seinem Buch vom meditativen Leben, der Kerngedanke aller
Philosophien des Ostens, von Indien über Tibet bis China, der allen Systemen
von Shintoismus bis Daoismus zugrunde liegt, sei der "einer Hierarchie von
Erde, Mensch und Himmel", und das entspricht, wie er sagt, "Körper, Seele,
Geist". Ananda K. Coomaraswamy sagt in seinem "Hinduism and Buddhism",
dass alle großen Weltreligionen "auf ihre je eigene Weise eine Hierarchie von
Typen oder Ebenen des Bewusstseins repräsentieren, die vom Animalischen
bis zum Göttlichen reicht; ein und dasselbe Individuum kann zu
verschiedenen Gelegenheiten mal dieser, mal jener Stufe zuzuordnen sein".

Dies führt uns zum berüchtigtsten Paradoxon der Philosophia perennis.
Wie wir gesehen haben, lehren die Weisheitstraditionen, dass die Wirklichkeit
sich in Ebenen oder Dimensionen manifestiert, wobei jede höhere Dimension
umfassender und daher der absoluten Gesamtheit der Gottheit oder des
GEISTES "näher" ist. In diesem Sinne ist der GEIST der Gipfelpunkt des
Seins, die oberste Sprosse auf der Leiter der Evolution. Zugleich gilt aber
auch, dass der GEIST das Holz ist, aus dem die ganze Leiter und alle ihre
Sprossen gemacht sind. Der GEIST ist die Soheit, die Seinsheit, die Essenz
von allem Seienden.


*) Anm. Norbert: "GEIST" groß geschrieben umschreibt hier nicht den Mind, sondern
ist eher als das anzusehen, was in der Advaita-Literatur oft das eine, allesumfassende
und allesdurchdringende Bewusstsein genannt wird ("es gibt nur [ein] Bewussstsein").


Der erste Aspekt, derjenige der obersten Sprosse, steht für die
transzendentale Natur des GEISTES, die über alles "Weltliche", Geschöpfliche
und Endliche hinausgeht. Selbst wenn man die ganze Erde oder auch das
Universum zerstören würde, würde der GEIST bleiben.
Der zweite Aspekt,
der in die Analogie des Leiterholzes gekleidet ist, steht für die immanente
Natur des GEISTES: der GEIST ist unparteiisch gleichermaßen und vollständig
in allen manifesten Dingen und Ereignissen vorhanden, in der Natur, in der
Kultur, im Himmel und auf der Erde. Aus diesem Blickwinkel ist keine
Erscheinung dem GEIST näher als irgendeine andere, denn alles ist
gleichermaßen "aus GEIST gemacht". Der GEIST ist also sowohl das höchste
Ziel aller Entwicklung und Evolution als auch der Grund der ganzen Abfolge,
am Anfang so gegenwärtig wie am Ende. Der GEIST ist vor dieser Welt, aber
nicht jenseits von ihr.



Dass diese beiden paradoxen Aspekte des GEISTES oft nicht
berücksichtigt wurden, hat historisch zu einigen erheblich verzerrten (und
politisch gefährlichen) Auffassungen vom GEIST geführt. Traditionell haben
die patriarchalen Religionen die transzendente Natur des GEISTES eher
überbetont und damit die Erde, die Natur, den Körper und die Frauen zu
einem minderwertigen Status verdammt. Davor haben die matriarchalen
Religionen die immanente Natur des GEISTES in den Vordergrund gerückt,
und die daraus entstehende pantheistische Weltsicht setzte die endliche und
geschaffene Erde mit dem unendlichen und ungeschaffenen GEIST gleich. Es
ist jedem erlaubt, sich mit einer endlichen und begrenzten Erde zu
identifizieren, aber es ist nicht erlaubt, sie unendlich und unbegrenzt zu
nennen.

Beide einseitigen Auffassungen vom GEIST, die matriarchale wie die
patriarchale Religion, haben in der Geschichte unsägliches Leid verursacht,
von den grausamen und massenhaften Menschenopfern für die Fruchtbarkeit
der Erdgöttin bis zu den verheerenden Kriegen im Namen des Vatergottes. In
der Mitte zwischen diesen extremen Verzerrungen hat die Philosophia
perennis, der esoterische oder innere Kern der Weisheitsreligionen, diese
Dualitäten – Himmel und Erde, männlich und weiblich, unendlich und endlich,
weitabgewandt und weltzugewandt – stets vermieden und sich statt dessen
um ihre Vereinigung oder Integration (Stichwort Nichtdualität) bemüht.
Sichtbar wird dieses Streben nach der Vereinigung von Himmel und Erde, von
männlich und weiblich, von unendlich und endlich, von aufsteigend und
absteigend, von Weisheit und Mitleid in den "tantrischen" Lehren der
verschiedenen Weisheitstraditionen vom Neuplatonismus im Westen bis zum
Vajrayana im Osten. Dieser nonduale Kern der Weisheitstraditionen macht
das Wesen der "Ewigen Philosophie" aus.


Das Entscheidende ist also, dass wir, wenn wir uns den GEIST in
geistigen (mentalen) Kategorien vorstellen wollen (was zwangsläufig zu
gewissen Schwierigkeiten führt), uns zumindest dieses Paradoxons der
Transzendenz und Immanenz Bewusst bleiben sollten. "Paradox" erscheint
die Nichtdualität bloß unserem Denken; der GEIST selbst ist nicht paradox, er
ist, genauer gesagt, überhaupt nicht charakterisierbar.


Dies gilt in zweifacher Weise für die Hierarchie (Holarchie). Wir haben
gezeigt, dass der transzendentale GEIST sich in Stufen oder Ebenen
manifestiert, der großen Holarchie des Seins. Damit sage ich aber nicht, dass
der GEIST oder die Wirklichkeit selbst hierarchisch sei. Der absolute GEIST
oder die absolute Wirklichkeit ist nicht hierarchisch. Er ist in mentalen
Begriffen, Begriffen der unteren Holons, nicht qualifizierbar;
er ist Shunyata,
Nirguna, apophatisch – unqualifizierbar, ohne eine Spur spezifischer und
beschränkender Merkmale. Aber er manifestiert sich in Stufen, Schichten,
Dimensionen, Hüllen, Ebenen oder Phasen, wie auch immer man es nennen
mag, und dies ist Holarchie. Im Vedanta sind dies die Koshas, die den Atman
umgebenden Hüllen; im Buddhismus sind es die sechs Vijnanas, die sechs
Arten von Bewusstsein, deren jede eine verkürzte Version der jeweils
höheren ist; in der Kabbala sind es die Sephiroth, und so weiter.

Worauf es hierbei ankommt, ist, dass dies Ebenen der manifesten Welt,
der Maya sind. Soweit man Maya nicht als das Spiel des Göttlichen erkennt,
ist sie nichts als Täuschung. Hierarchie ist Täuschung. Es gibt nur Ebenen der
Täuschung, nicht Ebenen der Wirklichkeit. Den Traditionen zufolge können
wir aber eben (und nur) dadurch, dass wir die hierarchische Natur des
Samsara begreifen, diesen überwinden; dies ist die Leiter, die wir erst
wegwerfen dürfen, nachdem sie ihren großartigen Zweck erfüllt hat.

Betrachten wir also einige der Ebenen oder Sphären der Holarchie, der
großen Verschachtelung des Seins, wie sie in den drei größten
Weisheitstraditionen erscheint, der jüdischen / christlichen / muslimischen
Tradition, im Buddhismus und im Hinduismus, wiewohl sich jede andere reife
Tradition hierfür ebenso eignen würde.

Zunächst die christlichen Begriffe, mit denen wir am einfachsten
zurechtkommen, weil die meisten von uns mit ihnen aufgewachsen sind:
Stoff, Körper, Geist, Seele und GEIST. Stoff ist die physische Welt, wie sie in
unserer eigenen Körperlichkeit erscheint (zum Beispiel in denjenigen
Aspekten unseres Daseins, für die die Gesetze der Physik gelten), und –
welche Bedeutung auch immer man dem Wort "Stoff" oder "Materie" sonst
noch beilegen mag – es ist hier damit die Dimension mit dem geringsten Maß
an Bewusstsein gemeint (manche würden sagen "ohne Bewusstsein" – ich
überlasse es dem Leser). Körper bedeutet hier den Empfindungskörper, den
"animalischen" Körper mit seinem Geschlechtstrieb, seinem Hunger, seiner
Lebenskraft usw. (also diejenigen Aspekte des Daseins, mit denen sich die
Biologie beschäftigt). Geist (mind) ist das rationale, denkende, sprachliche
und phantasiebegabte Geistige, mit dem sich die Psychologie befasst. Seele
ist das höhere oder feinstoffliche Geistige, der archetypische, der intuitive
Geist, und die Essenz der Unzerstörbarkeit unseres eigenen Wesens, mit dem
sich die Theologie befasst. GEIST (spirit) ist das transzendente Höchste
unseres Wesens, unsere Gottheit, mit der sich die kontemplative Mystik
befasst.

Dem Vedanta zufolge ist das Individuum aus fünf "Hüllen", Ebenen oder
Sphären des Seins zusammengesetzt, den Koshas, wofür auch der Vergleich
mit einer Zwiebel herangezogen wird, so dass man mit jeder Schicht, die man
wegnimmt, immer näher zum Wesen gelangt. Die unterste (das heißt
äußerste) Schicht ist Annamaya-Kosha, die "Nahrungshülle". Dies ist die
physische Sphäre. Das nächste ist Pranamaya-Kosha, die Prana-Hülle. Prana
bedeutet Lebenskraft, Bioenergie, Elan vital, Libido, emotionelle/sexuelle
Energie im allgemeinen, die Sphäre des Empfindungskörpers (wie wir den
Ausdruck benutzen). Dann folgt Manomaya-Kosha, die Hülle des Manas oder
Denkens, der rationale, abstrakte, linguistische Bereich. Jenseits davon liegt
Vijnanamaya-Kosha, die Hülle der Intuition, des höheren Denkens. Das
höchste ist Anandamaya-Kosha, die Hülle der spirituellen und transzendenten
Wonne.

Weiterhin – und dies ist wichtig – unterteilt der Vedanta diese fünf Hüllen
in drei Hauptreiche: Das Grobstoffliche, das Feinstoffliche und das Kausale.
Das grobstoffliche Reich ist der untersten Ebene der Holarchie untergeordnet,
dem physischen Körper (Annamaya-Kosha). Das feinstoffliche Reich umfasst
die drei Zwischenebenen, den emotionellen/sexuellen Körper (Pranamaya-
Kosha), den Geist (Manomaya-Kosha) und das höhere oder feinstoffliche
Geistige (Vijnanamaya-Kosha). Das Kausale schließlich ist der höchsten
Ebene zugeordnet, Anandamaya-Kosha, dem archetypischen GEIST, der
manchmal auch als weitgehend nichtmanifest oder formlos bezeichnet wird.
Weiterhin setzt der Vedanta diese drei großen Reiche des Seins in Beziehung
zu den drei wichtigsten Bewusstseinszuständen: Wachen, Träumen und
traumloser Tiefschlaf. Jenseits dieser drei Zustände liegt der absolute GEIST,
der auch als Turiya bezeichnet wird, "das Vierte", weil er jenseits der drei
Zustände der Manifestation liegt (und diese einschließt); er geht über das
Grobstoffliche, Feinstoffliche und Kausale hinaus (und integriert es daher).

Man kann also sagen, dass die Vedanta-Auffassung von den fünf Hüllen
der jüdischen/christlichen/muslimischen Auffassung von Stoff, Körper, Geist,
Seele und GEIST sehr ähnlich ist, sofern man unter "Seele" nicht nur ein
höheres Selbst oder eine höhere Identität, sondern ein höheres oder
subtileres Denken und Erkennen versteht. "Seele" hat in allen höheren
mystischen Traditionen immer auch die Bedeutung eines "Knotens" oder
einer "Zusammenziehung" (was die Hinduisten und Buddhisten Ahamkara
nennen), die aufgelöst werden muss, bevor die Seele sich transzendieren,
sich selbst sterben und so zu einer höchsten Einheit und Identität mit dem
absoluten GEIST gelangen kann (gemäss dem Christuswort: "Der kann kein
wahrer Jünger sein, der nicht seine Seele Hasst").

Die "Seele" ist also sowohl die höchste Ebene individuellen Wachstums,
die wir erreichen können, als auch die endgültige Grenze, der letzte "Knoten"
vor der Erlangung der Erleuchtung oder höchsten Identität, und zwar einfach
deshalb, weil sie als die transzendente "Zuschauerin" ein Gegenüber zu allem
bildet, was sie gewahrt
. Wenn wir aber diese Zuschauerposition überwinden,
dann löst sich die Seele oder Zuschauerin selbst auf, und dann gibt es nur
noch das Spiel des nondualen Gewahrens, eines Gewahrens, das nicht
Objekte betrachtet, sondern vollständig eins mit allen Objekten ist (im Zen
heißt es, dies sei "wie wenn man den Himmel kosten würde"). Die Kluft
zwischen Subjekt und Objekt verschwindet, die Seele wird transzendiert oder
aufgelöst, und es entsteht ein reines spirituelles oder nichtduales Gewahren,
das sehr einfach, sehr offensichtlich, sehr klar ist. Man erkennt, dass das
eigene innerste Wesen weit und offen, leer und klar ist, und alles, was
irgendwo entsteht, entsteht spontan in einem selbst als innewohnender
GEIST.

Das psychologische Kernmodell des Mahayana-Buddhismus sind die acht
Vijnanas, die acht Ebenen des Bewusstseins. Die ersten fünf sind die fünf
Sinne. Das nächste ist Manovijnana, das Bewusstsein auf der Ebene der
sinnlichen Erfahrung. Es folgt Manas, was sowohl höherer Geist als auch das
Zentrum der Täuschung eines getrennten Ich bedeutet. Manas ist der
Betrachter von Alaya-Vijnana, der nächsthöheren Ebene, derjenigen des
überindividuellen Bewusstseins, und hält es für ein getrenntes Ich oder eine
substantielle Seele, wie wir sie definiert haben. Jenseits dieser acht Ebenen
liegt als ihr Ursprung und Urgrund reines Alaya oder reiner leerer GEIST.

Ich möchte keineswegs die sehr konkreten Unterschiede zwischen diesen
Traditionen bestreiten. Ich will lediglich daraufhinweisen, dass sie gewisse
tiefe strukturelle Ähnlichkeiten aufweisen, was nachdrücklich für die
Allgemeingültigkeit vieler ihrer Erkenntnisse spricht.

Wir können also mit einem erfreulichen Befund schließen: Nachdem die
Große Kette des Seins, die große Holarchie des Seins im 19. Jahrhundert
durch verschiedene reduktionistische Strömungen – vom wissenschaftlichen
Materialismus über den Behaviorismus bis zum Positivismusobsolet
geworden zu sein schien, erlebt sie heute eine erstaunliche Wiederkehr.
Diese vorübergehende Desavouierung, dieser Versuch, die Holarchie des
Seins auf ihre niedrigste Ebene zu reduzieren, diejenige des Stoffs, war für
die Psychologie besonders bitter, die zuerst ihren GEIST, dann ihre Seele und
schließlich ihren Verstand verlor und auf die Untersuchung rein empirischen
Verhaltens oder physischer Triebe verkürzt wurde, eine Einengung, die zu
jeder anderen Zeit und an jedem anderen Ort als genaue Definition des
Wahnsinns gegolten hätte.

Heute ist jedoch die evolutionäre Holarchie, die holistische Betrachtung
der Entwicklung und Selbstorganisation von Feldern in Feldern in Feldern in
vielen wissenschaftlichen und Verhaltensdisziplinen wieder ein
beherrschendes Thema (wie wir noch sehen werden), auch wenn sich dies
unter einer Vielzahl von Namen verbirgt (so firmiert zum Beispiel Aristoteles'
Entelechie heute als "morphogenetische Felder" und "selbstorganisierende
Systeme"). Damit soll keineswegs gesagt werden, dass die modernen
Versionen der Großen Holarchie und ihrer Selbstorganisationsprinzipien keine
neuen Einsichten enthielten; dies ist sehr wohl der Fall, vor allem bezüglich
der tatsächlichen evolutionären Entfaltung der Großen Kette selbst. Jede
Erkenntnis der Großen Holarchie ist angemessen; jede neuartige Erkenntnis
ist angemessener ...

Aber die Grundmerkmale sind unverkennbar. Ludwig von Bertalanffy, der
Begründer der Allgemeinen Systemtheorie, drückt es so aus: "Die Wirklichkeit
stellt sich nach heutiger Auffassung als eine gewaltige hierarchische Ordnung
organisierter Entitäten dar, eine Überlagerung vieler Schichten, die von
physikalischen und chemischen bis hin zu biologischen und soziologischen
Systemen reicht. Diese hierarchische Strukturierung und Kombination zu
Systemen von immer höherer Ordnung ist für die Wirklichkeit insgesamt
kennzeichnend und von grundlegender Bedeutung vor allem für Biologie,
Psychologie und Soziologie."

So ist zum Beispiel in der modernen Psychologie die Holarchie das
vorherrschende strukturelle und Prozessparadigma, das sich durch alle (oft
recht unterschiedlichen) Inhalte der verschiedenen Schulen hindurchzieht.
Jede Schule der Entwicklungspsychologie kennt irgendeine Form von
Hierarchie oder eine Aufeinanderfolge diskreter, aber kontinuierlicher,
irreversibler Stufen des Wachstums und der Entwicklung. Dies gilt für die
Freudianer, die Jungianer, die Piagetianer, Lawrence Kohlberg und [url=http://de.wikipedia.org/wiki/Carol_Gilligan]Carol
Gilligan[/url] ebenso wie für die kognitiven Behavioristen. [url?http://de.wikipedia.org/wiki/Abraham_Maslow]Maslow[/url], der sowohl die
humanistische als auch die transpersonale Psychologie vertritt, stellt die
"Hierarchie der Bedürfnisse" in den Mittelpunkt seines Systems – und hiermit
sind nur einige wenige Namen genannt.

Von Rupert Sheldrake und seinen "geschachtelten Hierarchien
morphogenetischer Felder" über Sir Karl Poppers "Hierarchie emergenter
Eigenschaften" bis zu Birchs und Cobbs "ökologischem Wirklichkeitsmodell"
auf der Grundlage "hierarchischer Werte", von Francisco Varelas
bahnbrechender Arbeit über autopoietische Systeme ("Die Reichhaltigkeit
natürlicher Systeme scheint generell ihren Niederschlag darin zu finden ...
dass sie eine Hierarchie von Ebenen entstehen lassen") bis zu den
Gehirnforschungen von Roger Sperry, Sir John Eccles und Wilder Penfield
("eine Hierarchie nichtreduzierbarer Emergenzen") bis zu Jürgen Habermas'
sozialkritischer Theorie ("eine Hierarchie kommunikativer Kompetenz") – die
Große Kette ist wieder da.

Der einzige Grund, warum dies nicht jeder sieht, ist, dass sie sich unter
einer Vielzahl verschiedener Namen verbirgt.

Aber ob man sie nun erkennt oder nicht – sie ist wieder stark im
Kommen. Das Großartige an dieser Renaissance ist, dass die moderne
Theorie sich heute wieder mit ihren starken Wurzeln in der Philosophia
perennis verbinden kann, dass sie wieder Anschluss nicht nur an Platon,
Aristoteles, Plotin, Maimonides, Spinoza, Hegel und Theresa von Avila im
Westen findet, sondern auch an Shankara, Padmasambhava, Zhi-yi, Fazang,
Abhinavagupta und Yeshe Tsogyal im Osten. Und all dies ist einfach deshalb
möglich, weil so viele Aspekte der Philosophia perennis in der Tat
perennierend, das heißt allgemeingültig, sind, wo auch immer sie auftreten,
in allen Zeiten und Kulturen, und auf Herz, Seele und Geist des
Menschengeschlechts (oder überhaupt aller fühlenden Wesen) verweisen.

Etwas Grundlegendes bleibt aber nach der Renaissance der verlorenen
Großen Kette des Seins noch zu tun. Eines der durchgängigen Paradigmen
des modernen Denkens von der Physik über die Biologie und Psychologie bis
zur Soziologie ist die evolutionäre Holarchie (siehe zum Beispiel Laszlo,
Jantsch, Habermas, Lenski, Dennett); allerdings erkennen die meisten
orthodoxen Schulen der Forschung nur die Existenz von Stoff, Körper und
Geist an. Den höheren Dimensionen der Seele und des GEISTES wird noch
nicht ganz derselbe Status zugebilligt. Man könnte also sagen, dass der
moderne Westen heute erst drei Fünftel der Großen Holarchie des Seins
anerkannt hat. Die Aufgabe besteht also heute ganz einfach darin, auch die
restlichen beiden Fünftel, Seele und GEIST, wiedereinzuführen.

Wenn man alle Ebenen und Dimensionen der Großen Kette anerkennt,
erkennt man damit auch alle entsprechenden Erkenntnismodi an, das heißt
nicht nur das Auge des Fleisches, das die physische und sinnliche Welt
enthüllt, oder das Auge des Verstandes, das die Welt der Sprache und der
Symbole enthüllt, sondern auch das Auge der Kontemplation, das Seele und
GEIST offenbart.

Dies ist also unsere Aufgabe: Tun wir auch den letzten Schritt und führen
wir das Auge der Kontemplation wieder ein, das als wissenschaftliches und
wiederholbares Verfahren Seele und GEIST offenbart. Diese integrale
Sichtweise ist, wie ich behaupten möchte, die endgültige Heimkunft, die
Heimführung unserer modernen Seele in die Seele der Menschheit selbst
(und dies wäre die wahre Bedeutung von Multikulturalismus), so dass wir,
auf den Schultern von Riesen stehend, ihre ewig wiederkehrende Gegenwart
transzendieren und zugleich einschließen, was immer auch bedeutet, dass wir
uns ihres Werts Bewusst sind. Die Zusammenführung alter Weisheit mit
modernen Erkenntnissen ist daher das große Ziel der integralen Sichtweise,
ein Leitstern in der postmodernen Ödnis. Die Anerkennung des ganzen
Spektrums des Bewusstseins hätte erhebliche Auswirkungen auf den Gang
aller hiervon betroffenen modernen Disziplinen, und dies ist natürlich ein
wesentlicher Aspekt der integralen Studien.

Am stärksten und unmittelbarsten wäre davon natürlich das Gebiet der
Psychologie betroffen. Ich habe den Rahmen einer solchen umfassenden
Psychologie in mehreren Büchern erkundet (unter anderem "Das Spektrum
des Bewusstseins", "Wege zum Selbst", "Das Atman-Projekt", P"sychologie der
Befreiung" und "Eine kurze Geschichte des Kosmos").

In diesen Büchern wird eine Auffassung der menschlichen Entwicklung
dargelegt, die das ganze Spektrum des Bewusstseins einzubeziehen versucht,
vom Instinkt über das Ich zum GEIST, vom Präpersonalen über das
Personale zum Transpersonalen, vom Unbewussten über das Selbstbewusste
zum Überbewussten. Wenn mir nichts Animalisches, Menschliches oder
Göttliches fremd ist, dann kann auch kein Bewusstseinszustand aus dem
Schoß einer wahrhaft integralen Psychologie verbannt werden. Im Vorwort
zur Neuausgabe von "Das Atman-Projekt" versuche ich aufzuzeigen, warum
eine solche integrale und einschließende Haltung so wichtig ist.

"Das Atman-Projekt" war, soweit wir wissen, die erste Psychologie, die die
Möglichkeit einer Zusammenführung von Ost und West, von konventionellen
und kontemplativen, von orthodoxen und mystischen Auffassungen in einem
einzigen kohärenten und schlüssigen Rahmen erkundete. Dabei wurde eine
Fülle von Ansätzen berücksichtigt, von Freud bis Buddha, von der
Gestaltpsychologie bis Shankara, von Piaget bis Yogachara, von Kohlberg bis
Krishnamurti.

Ich begann mit der Arbeit an "Das Atman-Projekt" im Jahre 1976 und
zeitgleich dazu mit "Halbzeit der Evolution"; das eine Buch befasst sich mit der
Ontogenese, das andere mit der Phylogenese. Diese Arbeit liegt nun fast zwei
Jahrzehnte zurück, und ich bin der Meinung, dass der grundlegende Rahmen
sich so gut bewährt hat, dass die grundsätzlichen Aussagen mit den nötigen
Anpassungen noch lange gültig und fruchtbar bleiben werden.

Einige Kritiker haben mir vorgeworfen, ich hätte bloß verschiedene
Quellen literarisch verarbeitet und mein Ansatz stütze sich nicht auf klinische
oder experimentelle Befunde. Aber das können sie wohl nicht im Ernst
behaupten: Gerade diejenigen Theoretiker, auf die ich mich hauptsächlich
stützte, haben bahnbrechende klinische und experimentelle Arbeit geleistet,
von Jean Piagets "methode clinique" über Margaret Mahlers umfassend auf
Videobändern dokumentierten Beobachtungen bis zu Lawrence Kohlbergs
und Carol Gilligans grundlegenden ethischen Untersuchungen, ganz zu
schweigen von der umfassenden phänomenologischen Evidenz, die die
kontemplativen Traditionen selbst vorlegen. "Das Atman-Projekt" stützt sich
direkt auf die Befunde von über sechzig Forschern unterschiedlichster
Denkansätze und indirekt auf Hunderte anderer.

Mit "Das Atman-Projekt" endete auch mein Liebäugeln mit der Romantik
und mein Versuch, Regression zu einer Quelle des Heils zu machen. Meine
ursprüngliche Absicht war es gewesen, mit "Atman" und "Halbzeit der Evolution"
die romantische Sichtweise zu stützen: Der Mensch beginnt in einer
unbewussten Einheit mit dem Göttlichen, in einem unreflektierten
Eingetauchtsein in eine Art Himmel auf Erden, einen paradiesischen Garten
Eden, und zwar ontogenetisch wie phylogenetisch: dann verlässt er diese
Einheit in einem Prozess der Entfremdung und Dissoziation (das isolierte und
trennende Ich), bis er schließlich in einer Bewussten und glorreichen
Vereinigung wieder zum Göttlichen zurückkehrt.

In dieser Weise würde er also gewissermaßen vom unbewussten Himmel
über die Bewusste Hölle zum Bewussten Himmel fortschreiten.
Es war bei
beiden Büchern mein Vorhaben, diese romantische Auffassung zu bestätigen.

Je mehr jedoch die Arbeit an diesen Büchern fortschritt, desto
offensichtlicher wurde es, dass die romantische Auffassung ein
hoffnungsloses Durcheinander war. Sie verband einige sehr wichtige
Wahrheiten mit einigen krassen Irrtümern, und das Ergebnis war ein
Alptraum von theoretischem Chaos. Die Aufgabe, dieses monströse
Durcheinander zu entwirren, beschäftigte mich fast ein Jahrzehnt lang und
bildete eine der turbulentesten theoretischen Phasen meines Lebens. Der
Grund, warum ich so viele Aufsätze über Trugschlüsse verfasst habe (wie
zum Beispiel die Prä/trans-Verwechslung und den Trugschluss der einen
Grenze), liegt einfach darin, dass die Romantiker so viele von ihnen begingen
und auch ich als guter Romantiker ihnen mit Inbrunst verfallen war. Eben
weil ich diese Täuschungen von innen heraus, aus der Nähe und in einer sehr
persönlichen Weise kannte, konnte ich sie besonders nachdrücklich
kritisieren. Man bekämpft gerade diejenigen Theorien am heftigsten, denen
man am intensivsten zugetan war.

Der grundlegende Fehler der romantischen Auffassung ist aber relativ
einfach zu verstehen. Nehmen wir zum Beispiel die Kindheit. Die romantische
Auffassung besteht, wie gesagt, darin, dass Kinder zunächst im Zustand
eines unbewussten Himmels seien. Wenn das Kind noch nicht gegenüber
seiner Umgebung (oder der Mutter) differenziert ist, sei das Kind im Grunde
eins mit dem dynamischen Urgrund des Seins, wenn auch in einer
unbewussten (oder "nicht-selbstbewussten") Weise. Es befände sich also in
einem unbewussten Himmel, einem seligen, wunderbaren, mystischen,
paradiesischen Zustand, aus dem es aber bald vertrieben wird und zu dem
wir uns immer zurücksehnen.

Irgendwann in den ersten Lebensjahren, so die romantische Auffassung
weiter, differenziert sich das Selbst gegenüber der Umgebung; die Einheit mit
dem dynamischen Urgrund geht verloren, Subjekt und Objekt fallen
auseinander, und das Selbst kommt von einem unbewussten Himmel in eine
Bewusste Hölle, die Ich-Welt der Entfremdung, der Unterdrückung, des
Schreckens, der Tragödie.

Dann aber, so wird uns beruhigend versichert, könne das Selbst in seiner
Entwicklung eine Art Kehrtwende vollziehen, in den früheren kindlichen
Zustand der Einheit zurückkehren, sich wieder mit dem großen Urgrund des
Seins verbinden, nur jetzt ganz Bewusst und selbstverwirklicht, und so in den
Bewussten Himmel eintreten.

Dies ist also in groben Zügen die romantische Sichtweise: Man beginnt im
unbewussten Himmel, einer unbewussten Einheit mit dem Göttlichen; dann
verliert man diese unbewusste Einheit und wird dadurch in die Bewusste
Hölle gestoßen, aber man kann göttliche Einheit wiedererlangen, nur jetzt in
einer höheren und Bewussten Weise.

Das Problem bei dieser Sichtweise ist nur, dass der erste Schritt, der
Verlust der unbewussten Einheit mit dem Göttlichen, absolut unmöglich ist.
Alle Dinge sind eins mit dem Göttlichen Grund – dieser ist schließlich der
Urgrund allen Seins! –, und das Einssein mit diesem Urgrund zu verlieren
hieße, aufzuhören zu existieren.


Betrachten wir uns die Sache genauer. Es gibt nur zwei mögliche
Verhältnisse gegenüber dem Göttlichen Grund: Da alles eins mit dem
Urgrund ist, ist man sich dieser Einheit entweder Bewusst, oder man ist sich
ihrer nicht Bewusst. Man kann den göttlichen Grund gewahren oder nicht –
tertium non datur.

Die romantische Auffassung lautet, dass man als Kind in einer
unbewussten Einheit mit dem Urgrund beginnt. Das Bewusstsein der Einheit
hat man also schon verloren; darüber hinaus kann man aber nicht auch noch
die Einheit selbst verlieren, da man sonst aufhören würde zu existieren.

Wenn man also das Bewusstsein seines Einsseins verliert, kann es,
ontologisch betrachtet, nicht mehr schlimmer werden. Dies ist bereits das
Äußerste an Entfremdung. Man lebt gewissermaßen schon in der Hölle; man
ist schon im Samsara gefangen, nur weiß man es nicht – es fehlt das
Bewusstsein für die Entdeckung dieser schmerzlichen Tatsache. Der wirkliche
Zustand des kindlichen Selbst ist also vielmehr derjenige der unbewussten
Hölle.


Was dann in der Tat folgt, ist ein Wachwerden für die entfremdete Welt,
die einen umgibt und in einem ist. Man schreitet von der unbewussten Hölle
zur Bewussten Hölle fort, und dieses Gewahren der Hölle, des Samsara, der
scharfen Pein des Daseins, macht das Erwachsenwerden und Erwachsensein
zu einem solchen Alptraum von Elend und Entfremdung. Das Kind selbst lebt
relativ in Frieden, nicht weil es im Himmel wäre, sondern weil es die
Flammen der Hölle nicht gewahrt, die es umlodern. Das Kind ist unbestreitbar
dem Samsara verfallen – es weiß es nur nicht, es hat noch nicht genug
Bewusstsein, um das zu erkennen. Aber Erleuchtung erlangt man nun
keineswegs durch eine Rückkehr in diesen kindlichen Zustand und auch nicht
durch eine "reifere Version" dieses Zustandes. Das Kind windet sich ebenso
wenig wie mein Hund in Schuldgefühlen, Angst und Agonie, aber die
Erleuchtung besteht trotzdem nicht in einer Rückkehr zum Hunde-
Bewusstsein (und sei es eine "reife Form" eines Hunde-Bewusstseins).

Wenn das Bewusstsein und Gewahrsein des kindlichen Selbst wächst,
entdeckt es nach und nach den Schmerz des Daseins, die mit dem Samsara
verbundene Qual, die Mechanik des Wahnsinns, der die ganze manifeste Welt
durchzieht, und es beginnt zu leiden. Es macht Bekanntschaft mit der ersten
der Vier Edlen Wahrheiten, wird in die rauhe Welt der Wahrnehmung initiiert,
deren einziges Gesetz das Leidenschaffende Feuer der ungestillten und
unstillbaren Begierde ist. Es ist nicht so, dass es diese Welt der Begierden im
bisherigen "wunderbaren" kindlichen Zustand des Eingetauchtseins nicht
gegeben hätte; aber sie übte ihre Herrschaft unmerklich aus, und jetzt wird
sich das Selbst in einem langsamen, schmerzlichen, tragischen Prozess dieser
Welt Bewusst.

Während so das Bewusstsein des Kindes wächst, geht sein Selbst von der
unbewussten in die Bewusste Hölle über
, und dort bringt es vielleicht sein
ganzes Leben zu und jagt den betäubenden Tröstungen nach, die ihm die
offenen Wunden seiner geschundenen Gefühle schließen und die brennenden
Narben seiner Verzweiflung überdecken sollen. Sein Leben versinkt im
Morphiumdunst, und indem es sich der narkotisierenden Wärme seiner
Kompensationen hingibt, gelingt es ihm vielleicht sogar, sich zumindest für
einen wonnigen Augenblick, in dem ihm alles hinter einem rosaroten Schleier
zu versinken scheint, dem Glauben hinzugeben, dass diese dualistische Welt
doch im großen und ganzen recht angenehm sei.

Dieses Selbst könnte aber auch sein Wachstum und seine Entwicklung in
Richtung der wirklich spirituellen Bereiche fortsetzen, die Empfindung eines
getrennten Selbst transzendieren und sich in das Göttliche selbst ausfalten.
Dann leuchtet die Einheit mit dem Göttlichen, die immer schon da war, auch
wenn sie anfänglich unbewusst war, im strahlenden Glanz der Erleuchtung
und im Schock des unaussprechlich Gewöhnlichen im Bewusstsein auf: Das
Selbst erkennt seine höchste Identität mit dem GEIST selbst, und diese
unerhörte Offensichtlichkeit wird vielleicht durch nichts weiter angestoßen als
einen kühlen Lufthauch an einem strahlenden Frühlingstag.


Dies ist also der tatsächliche Gang der Ontogenese des Menschen: Von
der unbewussten Hölle über die Bewusste Hölle zum Bewussten Himmel.Zu
keinem Zeitpunkt verliert das Selbst seine Einheit mit dem Urgrund, denn
dann würde sofort auch seine Existenz enden.
Mit anderen Worten, die
romantische Vorstellung ist bezüglich der zweiten und dritten Phase, das
heißt der Bewussten Hölle und des Bewussten Himmels, richtig, aber völlig
falsch bezüglich des kindlichen Zustands, der nicht unbewusster Himmel,
sondern unbewusste Hölle ist.

Der kindliche Zustand ist also nicht unbewusst trans-personal, sondern
letztlich prä-personal. Er ist nicht trans-rational, sondern prä-rational. Er ist
nicht trans-verbal, sondern prä-verbal. Er ist nicht trans-egoisch, sondern
prä-egoisch. Die menschliche Entwicklung – und im weiteren Sinne die
ganze Evolution – schreitet vom Unbewussten über das Selbstbewusste zum
Überbewussten fort, vom Präpersonalen über das Personale zum
Transpersonalen, vom Submentalen über das Mentale zum Supermentalen,
vom Präzeitlichen über das Zeitliche zum Transzeitlichen, das nichts anderes
ist als das Ewige.


Die Romantiker hatten also einfach "prä" mit "trans" verwechselt und
dadurch die Prä-Zustände zur Herrlichkeit der Trans-Zustände erhoben
(wie
die Reduktionisten ihrerseits die Trans-Zustände verwarfen, indem sie sie als
Regressionen auf Prä-Zustände bezeichneten). Diese beiden Verwechslungen,
die elevationistische und die reduktionistische, sind die beiden Hauptformen
der Prä / trans-Verwechslung, die erstmals in den oben genannten Büchern
dargestellt und benannt wurde. Der entscheidende Punkt war, dass
Entwicklung nicht Regression im Dienste des Ich, sondern Evolution durch
Transzendierung des Ich ist.


Das war das Ende meiner Begeisterung für die Romantik.

Es gibt natürlich einen Abfall von der Gottheit, vom GEIST, vom Urgrund, und
dies ist die Wahrheit, der sich die Romantiker nähern wollten und wollen, bis
sie in ihre Prä/trans-Verwechslung schlittern. Diesen Abfall nennt man
Involution, die Bewegung, durch die alles aus dem Bewusstsein seiner Einheit
mit dem Göttlichen herausfällt und die Vorstellung einer getrennten und
isolierten, entfremdeten und entfremdenden Monade entsteht. Wenn eine
solche Involution geschehen ist und der GEIST unbewusst in die niedrigeren
und niedrigsten Formen seiner eigenen Manifestation verstrickt wird, kann
Evolution eintreten: Der GEIST entfaltet sich in einem großartigen Spektrum
des Bewusstseins, vom Urknall über Materie, Empfindung, Wahrnehmung,
Impuls, Bild, Symbol, Begriff, Verstand, die Psyche und das Feinstoffliche bis
zum Kausalen, bis er schließlich zu seiner schockierenden Selbsterkenntnis
gelangt, seiner Selbstverwirklichung und Selbstauferstehung. In allen diesen
Phasen – vom Stoff über den Körper, den Geist und die Seele zum GEIST –
wird die Evolution immer Bewusster, immer wirklicher, immer wacher, mit
allen Freuden und Ängsten, die mit dieser Dialektik der Erweckung
unweigerlich verbunden sind.

Auf jeder Stufe dieses Prozesses der Rückkehr des GEISTES zu sich
selbst erinnern wir uns, Sie und ich, manchmal unbestimmt, manchmal
intensiv, dass wir einst Bewusst eins mit diesem Göttlichen selbst waren. Sie
ist da, diese Erinnerungsspur, im Hintergrund unseres Bewusstseins, und sie
zieht und drängt uns hin zu der Erkenntnis, zu dem Erwachen, zu der
Erinnerung, wer und was wir immer schon waren.


Wir dürfen vielleicht annehmen, dass letztlich alle Dinge in einem
gewissen Grade eine Intuition davon haben, dass ihr Urgrund der GEIST
selbst ist. Alle Dinge werden zur Manifestation dieser Erkenntnis gedrängt
und gezogen. Und doch sucht alles den GEIST bis zu diesem göttlichen
Erwachen in einer Weise, die diese Erkenntnis gerade verhindert, denn sonst
wären wir ja jetzt schon verwirklicht.

Wir suchen den GEIST in der Welt der Zeit – aber der GEIST ist zeitlos
und kann dort nicht gefunden werden. Wir suchen den GEIST in der Welt des
Raums, aber der GEIST ist raumlos und kann dort nicht gefunden werden.
Wir suchen den GEIST in diesem oder jenem Objekt, das glänzt und gleißt
und uns Ruhm und Vermögen verheißt, aber der GEIST ist kein Ding, und wir
können ihn nicht in der Welt des Handels und der Händel sehen oder
ergreifen.

Wir suchen, mit anderen Worten, den GEIST in einer Weise, die seine
Verwirklichung verhindert, und zwingen uns selbst, mit Ersatzbefriedigungen
vorlieb zu nehmen, die uns im Taumel der elenden Welt der Zeit und des
Schreckens von Raum und Tod, von Sünde und Trennung, von Einsamkeit
und schalen Tröstungen festbannen. Und dies ist das Atman-Projekt.


Wie Sie auf den folgenden Seiten sehen werden, ist die Triebfeder des
Geschäfts der ganzen manifesten Welt das Atman-Projekt, ein Projekt, das so
lange betrieben wird, bis wir, Sie und ich, zum GEIST erwachen, dessen
Surrogate wir in der Welt von Raum und Zeit suchen, in der Welt des
Besitzergreifens und der Enttäuschungen. Der Alptraum der Geschichte ist
der Alptraum des Atman-Projekts, des fruchtlosen Suchens in der Zeit nach
demjenigen, was letztlich zeitlos ist. Es ist eine Suche, die zwangsläufig
Ängste und Qualen erzeugt, die Suche eines Selbst, das von Verdrängungen
verzehrt, von Schuldgefühlen gelähmt, vom Schüttelfrost einer bösartigen
Entfremdung befallen ist. Diese Tortur nimmt erst im strahlenden HERZEN
ein Ende, wenn die große Suche selbst zum Erliegen kommt, wenn der
Eigenwille in seinem Bemühen nachlässt, den wirklichen oder einen
Ersatzgott zu finden; die Bewegung in der Zeit wird vom großen
Ungeborenen, vom großen Ungeschaffenen, von der großen Leerheit im
Herzen des Kosmos selbst aufgehoben.

Versuchen Sie, wenn Sie dieses Buch lesen, daran zu denken: An das
große Ereignis, als Sie ausatmeten und diesen ganzen Kosmos schufen, an
die große Entleerung, als Sie sich selbst als die ganze Welt ausgossen,
einfach um zu sehen, was geschehen würde. Denken Sie an die Formen und
Kräfte, die Sie bisher durchmessen haben: Von Galaxien zu Planeten, zu
grünen Pflanzen, die sich nach der Sonne strecken, zu Tieren, die Tag und
Nacht in ruheloser Suche auf Beutefang sind, über die sich nach dem Licht
verzehrenden Urmenschen bis hin zu demjenigen, der jetzt dieses Buch in
Händen hält: Denken Sie daran, wer und was Sie waren, was Sie getan
haben, was Sie gesehen haben, wer Sie in Wirklichkeit in all diesen
Verkleidungen, in den Masken des Gottes und der Göttin, in den Masken
Ihres eigenen ursprünglichen Antlitzes sind.

Lassen Sie die große Suche zur Ruhe kommen, lassen Sie die
Selbstbezogenheit in der Unmittelbarkeit des gegenwärtigen Gewahrseins
verklingen, lassen Sie den ganzen Kosmos in Ihr Wesen einströmen, weil Sie
sein Urgrund sind – und Sie werden sich erinnern, dass das Atman-Projekt
niemals stattfand, dass Sie sich niemals bewegt haben, und es ist alles genau
so, wie es sein sollte, wenn der Zaunkönig an einem herrlichen Morgen singt
und Regentropfen auf das Tempeldach fallen.
Norbert
 

Re: Ken Wilber: Über Gott und Politik

Beitragvon Norbert » Sa 16. Okt 2010, 12:06

Wer den Text lieber offline lesen möchte ... im Anhang eine 18-seitige PDF-Datei, gezippt.
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.
Norbert
 

Re: Ken Wilber: Über Gott und Politik

Beitragvon Tobias » Sa 16. Okt 2010, 12:59

Danke Norbert, habe mal kurz reingelesen und einige
nette Begriffe gesehen. Werde ich mir mal bei Gelegenheit
zu Gemüte führen. :icon_wink_small:
Tobias
 

Re: Ken Wilber: Über Gott und Politik

Beitragvon Norbert » Sa 16. Okt 2010, 19:37

Janesh hat geschrieben:Ich hatte ne zeitlang tierisch Spaß mit Wilber und seinen Schwarten.

Ich habe ihn ehrlich gesagt nie richtig verstanden. Er war mir intellektuell zu anstrengend. Dann habe ich mal wieder reingeschaut und wunderte mich, dass ich ihm Wort für Wort folgen konnte. Die auf seine Arbeit gegründete "Transpersonale Psychologie" war mir damals sehr hilfreich bei der aktuten Depression. Ich erinnerte mich, dass auf Karims Homepage eine Klinik verlinkt war, die danach arbeitete. Es hat zwar nicht geklappt, dass ich dort eine Reha genehmigt bekam, aber die Chefärztin dort hat mit aus einer Liste "empfohlener Fachärzte" einen aus der Nähe rausgesucht, der TP in seine Arbeit integriert. Der war der absolute Hammer und hat mir sehr geholfen. Schon der erste Satz "Dass sie hier sitzen heißt nicht unbedingt, dass sie krank sind" hat mich fast vom Stuhl gehauen.

Ich finde Wilbers Arbeiten genial und bahnbrechend für die moderene Psychologie und Psychotherapie. Ist schon cool, dass er Ärzte inspiriert, zu denen man dann gehen und sagen kann "Doktor helfen sie mir, ich habe gesehen, dass es mich eigentlich nicht gibt". Und die dann sagen "cool". *g*
Norbert
 

Re: Ken Wilber: Über Gott und Politik

Beitragvon nano » Sa 16. Okt 2010, 21:06

Habe auch mal viel gewilbert, auch seinen Roman gelesen. Letztlich will er ja alles erklären.
Er Erklärt auch gut die Entwicklung von Gesellschaften. Schon ein kluger Bursche.
"Die Welt ist alles, was der Fall ist. "
Wittgenstein
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Re: Ken Wilber: Über Gott und Politik

Beitragvon Norbert » Sa 16. Okt 2010, 21:17

nano hat geschrieben:Letztlich will er ja alles erklären.

Gerade in diesem Buch zeigt er ja auch Visionen auf, siehe 1. Posting.

Sollte es nicht möglich sein, diese kulturelle Tyrannei des Konservatismus
über Bord zu werfen und zugleich seine Stärke zu erhalten, insbesondere
seine Spiritualität? Und könnte es nicht eine Möglichkeit geben, die Stärke
des Liberalismus (die individuelle Freiheit) zu wahren und die Tyrannei der
Geistfeindlichkeit über Bord zu werfen?

Kurz, könnte es nicht einen spirituellen Liberalismus geben? Einen
spirituellen Humanismus?
Norbert
 

Re: Ken Wilber: Über Gott und Politik

Beitragvon Norbert » Sa 16. Okt 2010, 22:25

Janesh hat geschrieben:Auch nachher diese Schulen mit Andrew Cohen, Guru und Pandit, wo sie versucht haben Gruppendynamiken zu erzeugen, uun die Gruppen auf eine bestimmte Ebene zu hieven, dadurch, dass sich alle an bestimmte Kodexes einer Stufe halten. Fand ich alles sehr Kontrollfreak-mäßig, als ob sie versuchen wollten ein Erwachen abzupressen, zu errechnen. Nicht so schön.

Da stehe ich auch nicht so drauf. Bei allem, was er so erklärt und alle Visionen, die er aufzeigt, bleibt es doch das Leben selbst, dass hier mal Licht und dort mal Dunkelheit in den Raum des Lebens wirft und dieser Aspekt ist ziemlich unterrepräsentiert bei Wilber. Und wer sich mit dem Cohen abgibt ... na ich weiß nicht. Dem sieht man doch an der Nase an, dass der nicht ganz dicht ist.

Ich habe den Thread hier eröffnet als Beispiel einer Vision der "Integration des Erwachens" für sich selbst und auch gesellschaftlich. Möge sich jeder das an Inspiration daraus nehmen, was sein Herz tanzen lässt.
Norbert
 

Re: Ken Wilber: Über Gott und Politik

Beitragvon nuri » Sa 16. Okt 2010, 23:51

Mir hat sein Buch "Mut und Gnade" gut gefallen
http://www.amazon.de/Gnade-einer-Krankh ... 3442427401
es handelt von seiner Freundin und ihrem Weg mit dem Brustkrebs,
bis sie zuletzt stirbt.
Und wie die beiden damit und mit sich und miteinander dabei umgehen.
Ihre Tagebuch-Auszüge, so richtig weiblich,
völlig andere Sichtweise als Wilber,
und wie er diese ins Buch stellt,
stehen lässt,
das hat mir Eindruck gemacht.
Die Kapitel mit seinen (männlich gepolten) Erklärungen dazwischen
hab ich ehrlich gesagt mehr oder weniger überlesen.
Zu kopflastig.

NuriCH

Ps. Vielleicht les ich mir die Auszüge hier dann mal durch,
das Thema an und für sich ist/wäre ja schon interessant.
nuri
 

Re: Ken Wilber: Über Gott und Politik

Beitragvon nano » So 17. Okt 2010, 22:08

Boomeritis fand ich auch nicht so toll. Wenn man sein Gesamtwerk nimmt, ist es schon beachtlich, was er da geleistet hat. Bin auch nicht mit allem agree, but - what for insperation!
"Die Welt ist alles, was der Fall ist. "
Wittgenstein
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Re: Ken Wilber: Über Gott und Politik

Beitragvon Mario » Mi 17. Nov 2010, 04:11

auch nicht uninteressant:

Einheitserfahrungen

(aus: Integrale Psychologie, Arbor Verlag 2001, S. 261)

Eine der einfachsten Möglichkeiten, wie man erkennen kann, ob eine "Einheits-Erfahrung" in den grobstofflichen Bereich (Naturmystik), in den subtilen Bereich (Gottheitsmystik), in den kausalen Bereich (formlose Mystik) oder zum wirklich nichtdualen Bewußtsein (Vereinigung der Form in allen Bereichen mit dem reinen Formlosen) gehört, besteht darin, auf die Art des Bewußtseins beim Träumen und in tiefem Schlaf zu achten. Wenn der Schreibende über eine Einheitserfahrung im Wachzustand spricht, dann ist das gewöhnlich die Naturmystik des grobstofflichen Bereichs. Wenn dieses Einheitsbewußtsein in den Traumzustand hinein andauert - so daß der Berichtende von luziden Träumen spricht, von Vereinigung mit innerem Leuchten wie auch mit grobstofflicher äußerer Natur -, dann ist das gewöhnlich Gottheitsmystik des subtilen Bereichs.

Wenn dieses Einheitsbewußtsein in den Zustand des Tiefschlafs hinein andauert - so daß der Berichtende ein Selbst verwirklicht, das ganz präsent in allen drei Zuständen von Wachen, Träumen und tiefem Schlaf ist -, dann ist das gewöhnlich formlose Mystik (turiya) des kausalen Bereiches. Wenn man dann entdeckt, daß dieses formlose Selbst mit der Form in allen Bereichen eins ist - grobstofflich, subtil und kausal -, dann ist das reines nichtduales Bewußtsein (turyiatita).

Viele Naturmystiker, Ökopsychologen und Neuheiden halten die Einheit mit der Natur des grobstofflichen Bereichs im Wachzustand für die höchste erreichbare Einheit, aber die ist im Grunde die erste der vier Hauptsamadhis oder Formen mystischer Vereinigung. Das ?tiefe Selbst? der Ökopsychologie sollte deshalb nicht mit dem Wahren Selbst des Zen, dem Ati des Dzogchen, dem Brahman-Atman des Vedanta und so weiter verwechselt werden.

Diese Unterscheidungen helfen uns auch, Philosophen wie Heidegger und Foucault einzuordnen, die beide von Vereinigung mit der Natur sprechen, die mystischer Erfahrung ähnelt. Das waren oft tiefe und authentische Erfahrungen der Einheit des grobstofflichen Bereichs (nirmanakaya), aber diese sollten wiederum nicht mit Zen oder Vedanta verwechselt werden, denn letztere stoßen zu kausaler Formlosigkeit (dharmakaya, nirvikalpa-samadhi, jnana-samadhi usw.) und dann zu reiner nichtdualer Einheit (svabhavikakaya, turyiatita) mit allen Bereichen vor, mit dem Grobstofflichen, Subtilen, Kausalen. Viele Autoren verwechseln nirmanakaya mit svabhavikakaya, womit die Hauptbereiche innerer Entwicklung, die zwischen diesen zweien liegen (z.B. sambhogakaya und dharmakaya) übergangen werden.


von hier http://if.integralesforum.org/index.php?id=155 rüberkopiert.

ich finde wilber ist pflichtlektüre. jedenfalls für jeden der es bis exakt hierher "geschafft" hat. X)))
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Re: Ken Wilber: Über Gott und Politik

Beitragvon Saradevi » Mi 17. Nov 2010, 08:24

Interessanter Text :-)

Wohingegen man allerdings auch im Samadhi diese Unterscheidungen der verschiedenen Bewusstseinszustände, ob nun Wachen, Träumen, etc., nicht als getrennt empfunden werden ... bzw. als so 'unterschieden'.
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Re: Ken Wilber: Über Gott und Politik

Beitragvon Tobias » Mi 17. Nov 2010, 09:37

Mario hat geschrieben: ... tilen, Kausalen. Viele Autoren verwechseln nirmanakaya mit svabhavikakaya, womit die Hauptbereiche innerer Entwicklung, die zwischen diesen zweien liegen (z.B. sambhogakaya und dharmakaya) übergangen werden.



Mit "atman vichara" macht man im Grunde einen Strich durch die ganze Rechnung. :icon_mrgreen_small:
Es bleibt nichts mehr übrig, was einen selbst als eigene Gestalt (dem Wesen nach) wirklich
behindert, und es bleibt nur ein Zustand übrig: der, der ist - oder auch "sahaja samadhi" genannt. :tobroll: :icon_wink_small:
Tobias
 

Re: Ken Wilber: Über Gott und Politik

Beitragvon Mario » Mi 17. Nov 2010, 17:25

naklar, wem der nonduale strich die rechnung schon löste, der hat gut lachen und weinen.
aber bis dahin und darüber hinaus...tools ohne ende.
wie wunderbar, wie wunderbar! :angel:
auch wenn man sich mal auf den daumen kloppt ;-)
ich schätze wilber für sein kluges bemühen allzuviel daumenhauerei verhindern zu wollen.
mir hat das geholfen.
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