Das nachfolgende Buch ist erst in Arbeit. Es ist noch nicht korrekturgelesen, noch nicht endgültig formatiert, und vor Allem: Es ist auch noch gar nicht zu Ende geschrieben. Sämtliche Textstellen unterliegen dem Copyright. Namen sind zum großen Teil frei erfunden. Die Geschichte selbst ist fiktional. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder nicht-lebenden Personen ist reinster Zufall. Die geschilderten Exzesse sollen nicht zur Nachahmung einladen. Ein Verlag und/oder großzügiger Sponsor wird gesucht. Bewerbungen hier, Spenden hier. Viel Vergnügen beim Lesen.
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Die Geschichte eines Erwachensein Reisebericht
Vorwort und Vorgeschichte
Irgendwo muss ich ja dieses Buch beginnen, und da die Zeit von meiner Geburt bis zu meiner Reise nach Varanasi[5] nur unbedeutende 35 Jahre ausmachte, möchte ich diese Zeit der Einfachheit halber überspringen – oder eben nur sehr kurz beschreiben.
Vorweg: Natürlich ist dies ein spirituelles Buch und es gipfelt in der Erfahrung der „Einheit mit Gott“ - manche nennen diese Erfahrung „Erleuchtung“, manche „Erwachen“ – und ich habe schon ein Buch[1] über diese Erfahrung selbst geschrieben, aber: In diesem Buch beschreibe ich meinen Weg zu dieser Erfahrung, und dieser Weg war nicht nur gepflastert mit spirituellen und psychischen Ausnahmezuständen, sondern auch mit sexuellen und drogeninduzierten Exzessen. Ich war Tantriker, und ich suchte Zustände der Ekstase und Glückseligkeit. Erleuchtung suchte ich eigentlich nicht. Sie suchte mich heim, ja – aber der Weg dahin war das, was man im Yoga und Tantra traditionell den „linkshändigen Pfad“ nennt.
Nun – dies nur zur Warnung. Wer ein rein spirituelles Buch mit göttlichen Versen sucht, artig, rein und brav, der möge dieses Buch nun zur Seite legen (oder sich mein aller erstes kaufen, das ist voll davon...)
Nach dieser Warnung eine Gegenwarnung: Wer nun, neugierig durch obige Absätze, vielleicht ein sexuelles oder gar pornografisches Buch erwartet, der sei auch gewarnt: Tantra ist heilige Sexualität, ist Vereinigung mit Gott im Außen, mit der Göttin in jeder Frau. Hier geht es nicht um Orgien, sondern um Erfahrungen am Wege der Bewusstwerdung. Großteils um außergewöhnliche spirituelle Zustände am Pfad der Suche nach Gott und dem eigenen „Ich“, die mit Sexualität im herkömmlichen Sinne nichts zu tun haben, oft nichtmal sexuell induziert wurden.
Und wenn ich oben den „linkshändigen Pfad“ erwähne, heißt dies noch lange nicht, dass ich etwa Teufelsanbeter oder Schwarzmagier gewesen wäre. „Linkshändig“ bezeichnet im Yoga lediglich, dass eben auch Sexualität und oft auch Drogen mit in den spirituellen Weg einfließen, also erlaubt sind. Diese Erfahrungen werden jedoch mit möglichst wachem Geist und im Sinne eines Experiments herbeigeführt.
Nun – Ende des Vorworts – Weiter in der Vorgeschichte:
Ich war also 35 Jahre alt, und seid ein paar Monaten mit meiner damaligen Freundin Gudrun in Indien unterwegs. Uns verband das gemeinsame Interesse an Tantra und auch an außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen. Ich kannte sie erst wenige Monate, kennengelernt hatte ich sie bei einem Tantra-Seminar in Wien, lieben gelernt auf einem Tantra-Seminar in Mexiko (...)
Zuvor war ich zweimal verheiratet, zweimal Vater, im Endeffekt dann zweimal geschieden, hatte viele spirituelle Wege probiert, war beruflich (hauptsächlich als Programmierer) mal mehr und mal weniger erfolgreich, und nach meiner zweiten gescheiterten Ehe fast ausschließlich nur mehr an Tantra und tantrischen Kriya- sowie Kundalini-Yoga interessiert.
Meine bis dahin eindrucksvollsten spirituellen Zustände hatte ich in verschiedenen Tantra-Seminaren (für Fortgeschrittene) erfahren, sowie in Drogensitzungen, die mit Sex verbunden waren. Zwei davon möchte ich herausgreifen, da sie doch für meinen weiteren Weg und meine weitere Welt- und Selbstsicht von Bedeutung waren:
Da war einmal meine Mushroom-Initiation mit Sarah: Heilige Pilze, genommen an einem Berggipfel (kleiner Berg) in der Nähe von Wien, und als ich dabei ihre Yoni[2] küssen durfte, fühlte ich mich so, als wäre ich ein Schmetterling, der an einer Blüte saugt. Es war absolut Himmlisch und fühlte sich an, als würde die Zeit still stehen. Als hätte ich einen Punkt in der Ewigkeit erreicht, der immer schon da war und noch immer – durch alle Zeiten hindurch – währt. Als wäre ich immer schon ein Schmetterling gewesen an dieser Blüte saugend, und nichts sonst wäre jemals geschehen – das restliche Leben ein Traum. So, als würde ich immer wieder aus diesem Traum erwachen und zurückkehren, mich wiederfinden, als dieser Schmetterling, der, während er vom ewigen Nektar trinkt, von vielen Leben träumt. Und sonst existiert NICHTS.
Und ja, ich hatte wirklich schon sehr viel Sex mit vielen Frauen erlebt, aber das war bis dahin das absolut Größte. Und ich erinnere mich noch, wie ich danach im Wolkenbild der untergehenden Sonne Ozeane und Inseln erblickte. Es war traumhaft, außergewöhnlich und erzeugte in mir den festen Glauben „da ist eine Realität jenseits unserer Realität, die sich unserer normalen Wahrnehmung verschließt – aber durch Drogen, Sex und Meditation erreichbar ist“. Ich war auf den Geschmack gekommen.
Zuvor führte ich eigentlich für mein Alter ein relativ drogenfreies Leben. Zwar Ende der 60er und in den 70ern aufgewachsen, entstammte ich doch einer recht bürgerlichen Familie, mein Vater war schon 44 zu meiner Geburt – für einen Hippie also viel zu alt. Die einzige Rauschdroge, die er zu sich nahm, war Alkohol. Und so kannte ich eigentlich auch nichts anderes, war aber niemals ein Trinker, nur in Gesellschaft mit Freundin floss ab und zu das Bier, manchmal härteres, aber um „richtige“ Drogen machte ich lange einen großen Bogen – ich hatte schlicht Angst, dass es mir gefällt !! Und ich dadurch süchtig werden könnte.
Nun, Anfang meiner 30er kam ich erstmals in Berührung mit Cannabis. Erst durch einen Freund, später noch viel intensiver durch meine neue Freundin Sarah. Und ich ging sehr schnell durch verschiedene Phasen der verschiedenen durch Cannabis induzierten veränderten Wahrnehmungszuständen: Anfangs war GAR NICHTS – später lachte ich ohne Grund und ohne zu wissen, warum ich lachte. Richtige Lachanfälle. Noch später lernte ich, was es heißt, „stoned“ zu sein. Einfach tief entspannt und schwer wie ein Stein. Körperlich zu keiner Regung fähig. Geistig fliegend – oder auch in einem tiefschlaf-ähnlichen, ja man könnte sagen, fast meditationsähnlichen Entspannungszustand.
Und natürlich mischte ich es alsbald mit Sex: Yogische Atemübungen und Energievisualisationen, verbunden mit Sex und Tantra, verbunden mit Cannabis: Regelrecht ein Geheimrezept. Erstmals – und anfangs nur durch Hilfe dieser Droge – konnte ich „die Energie“ richtig fühlen – und später sogar lenken. In meinem Körper, und auch im Körper des Partners. Ja, wir haben viel experimentiert, Sarah und ich, und am Höhepunkt unserer Experimente war es nicht nur möglich, allein „durch die Luft“ und durch „Augenkontakt“ ihr einen Orgasmus zu „verschaffen“, nein, es funktionierte sogar durch gemeinsames Atmen und Mantra-Singen und –Summen per Telefon !! Es war eine Phase reinster Magie, besser: Mystik, besser: Sexual-Mystik. Wir konnten beliebig energetisch „Eins-Sein“, und das willentlich.
Das änderte sich, als ich Gudrun kennenlernte. Es war, wie erwähnt, auf einem Tantra-Seminar in Wien, Sarah war zu dieser Zeit sogar noch dabei, und sie war auch vom ersten Tag an eifersüchtig, nur: auf die falsche Frau (!!) - auf eine andere Seminarteilnehmerin. An Gudrun war für mich interessant, dass sie ausgebildete Sexualtherapeutin war und ein Bauernhaus außerhalb von Wien besaß. Da ich beiden meiner Exgattinnen die jeweiligen Ehewohnungen überließ, war ich ab jener Zeit geneigt, mich nun von den jeweiligen Partnerinnen wohntechnisch versorgen zu lassen. Zumal plante Gudrun, in ihrem Bauernhaus so eine Art „Ashram“ einzurichten. Da fehlte natürlich nur der „Meister“, und als Meister sah ich, logisch, MICH (*g*).
Nun, nach dem Wiener Seminar beschlossen einige Teilnehmer, darunter auch Gudrun und ich, das Intensivseminar in Mexiko zu absolvieren. Das war damals das fortgeschrittenste Seminar dieser tantrischen Richtung („tantrischer Kriya-Yoga nach Babaji“), einzigartig in dieser Form auf dem ganzen Planeten (nun, das sagen ja immer alle Lehrer der verschiedenen esoterischen Richtungen ...). Gudrun musste dazu noch „schnell“ eine Initiation durchlaufen, und von meiner Lehrerin erhielt ich die Erlaubnis, ausnahmsweise diese Initiation zu geben („kosmischer Kobra-Atem nach Babaji“), damit Gudrun in Mexiko dabeisein darf.
Sarah konnte sich dieses Seminar nicht leisten und so kam ich aus Mexiko zurück, frisch verliebt in Gudrun und bereit, die Beziehung mit Sarah zu beenden, was ich dann auch tat. Nachträglich betrachtet habe ich Sarah sehr geliebt, und wir haben viel miteinander erfahren dürfen. Doch war ich damals auf dem „Trip“, dass Ansprüche an den Partner oder gar an Exklusivität und noch schlimmer: Monogamität (damals: *pfui*) für mich absolut untragbar sind. Immerhin war ich ja auf meinem spirituellen Pfad ins Nirwana – da war für weltliche Gefühle kein Platz (Vorsicht: Ironie).
Jedenfalls passte Gudrun besser zu mir, nunja, sagen wir: Besser zu meinen Konzepten und Absichten. Immerhin wollte auch Gudrun längst schon mal ein paar Monate Indien bereisen, und mit Sarah hatte ich konkrete Ängste, abermals in Wien hängenzubleiben oder gar abermals, und dann zum dritten Mal, eine Familie zu gründen. Sarah war einfach für mich die Frau zum (weltlichen) verlieben, Gudrun war die (projizierte) „Göttin“.
Gesagt getan, ich zog bei Gudrun ein, und wir begannen unsere Reise nach Indien zu planen – nur mehr ein paar Monate Vorbereitung und berufliche Abschlussarbeiten meinerseits waren erforderlich.
Dazwischen hatten wir das, was mein zweites drogen- und sextechnisch induziertes Gipfelerlebnis wurde: Meine erste Erfahrung mit MDMA („Exstasy“). Es war reinstes MDMA was uns besorgt wurde, das Setting war perfekt: Ein paar Tage Kurzurlaub im Burgenland, ein bisschen trommeln zuvor, einen (kleinen aber feinen) Berg bestiegen mit Ausblick über den ganzen Neusiedler See.
Und hier oben, völlig allein, taten wir etwas sehr sehr wichtiges: Wir begannen mit dem Sex BEVOR die Wirkung des MDMA einsetzte. Anders wäre – wie ich danach noch oft erfahren musste – Sex gar nicht möglich gewesen. Weder physisch, noch emotional. Unter Exstasy ist die Welt „perfekt“, das Feeling „perfekt“, und man kann sich nicht motivieren, am Ist-Zustand etwas zu ändern, wozu auch.
Also waren wir glücklicherweise schon mitten im sexuellen Energierausch, als das MDMA einsetzte. Es war phantastisch, aber ich weiß nicht mehr viel davon. Außer eben, dass es phantastisch war. Und dann war ein Moment, an den ich mich genau erinnere: Mein Penis war in ihr, und ich hatte das Gefühl, als würde er, wenn er noch weiter (tief beim Gebärmuttereingang) eindringen würde, von ihr gegessen werden. Als würde etwas „zuschnappen“. Nicht, dass ich dann den Penis loswäre, nein. Aber doch ein Gefühl, als würde dann etwas passieren, was nicht rückgängigmachbar ist. Als wäre das ein gemeinsamer, vor allem körperlicher Durchbruch, ich weiß nicht wohin. Als würde dann die Zeit still stehen ?? Als wären wir dann für immer vereint ??
Nun, jedenfalls ließen wir beide, oder doch vor allem ich, ein „weiter“ nicht zu. Da war eine Grenze, die zu überschreiten ich damals nicht wagte. Und danach begannen wir halt ganz gewöhnlich zu „trippen“, wir tanzten nackt am Berg herum, schrieen, sangen, tobten, Energie war überall. Die Natur offenbarte ein grandioses Schauspiel, und ich fühlte mich nicht wie, sondern als Gott. Wir bekannten uns unsere Liebe, und, zumindest von meiner Seite, unsere Göttlichkeit. Ja, erkannten auch die Göttlichkeit des anderen. Die unmittelbare Göttlichkeit. Nein, nicht Göttlichkeit, Gott selbst. Nein, nicht ein Gott, sondern der Gott. Versteckt in Menschengestalt. Ja, ich war in jenen Momenten - zumindest ihr - Gott. Und endlich glaubte sie mir, wenn ich aus vollem - wenngleich auch mit MDMA gefülltem - Herzen sagte: „Ich liebe dich“.
Gleichzeitig wurde die Energie, die „in der Luft lag“, immer stärker. Als wäre die ganze Luft elektrisiert. Wolken zogen sich mächtig über uns zusammen, und ein starkes Gewitter begann, überall tobten Blitze und Donner und es schüttete in Strömen. In der Mitte stand – nackt - ich, und hatte das Gefühl, ein mächtiger Gott zu sein, der all dies kontrolliert und bewusst „herbeizaubert“. Mächtig und Groß wie Zeus. Oder Shiva. Oder der germanische Göttervater. Ja, ich fühlte mich als Gott, nur wusste ich nicht, welcher von all den vielen ich nun war. Damals war ich noch nicht entgültig monotheistisch ausgerichtet. Also war ich halt in meiner inneren Erklärung irgendsoein „geheimes Gottwesen“. Ohne zu wissen, wer ich nun wirklich bin.
Gudrun bekam langsam Angst und flüchtete ins Unterholz, begann zu weinen, starke Gefühle kamen hoch, sie hatte ja ihren ersten Mann verloren, er war in einem spirituellen Ausnahmezustand gestorben – man fand ihn mit einem glückseligen Lächeln im Gesicht. Ertrunken oder erstickt in einem nur 30 Zentimeter hohen Schwimmbecken, Todesursache eigentlich: unbekannt.
Nun wollte sie nicht „mich auch noch verlieren“, hatte offensichtlich Angst, einer der Blitze könnte mich treffen – ich stand ja auch genauso da, auf der Ebene des Berges, keine Bäume weit und breit, meine Arme weit ausgestreckt und Halleluja singend, oder zumindest denkend, oder trippend. Also zog ich mich zu ihr ins Unterholz zurück und begleitete sie in ihrem Prozess. Die hochkommende Energie, ausgelöst durch die Droge, schwemmte verdrängte Gefühle und Ängste in ihr mit hoch. Die Muskeln und Zellen erbebten, dass, was in ihnen gespeichert war, wurde gelöst und kam an die Oberfläche. Wir hatten Erfahrung mit solchen Prozessen, wenngleich wir sie bisher nur durch sexuelle Energie und Reich’sche Atemtechniken induzierten.
Der Abstieg, sowohl vom Berg, als auch von der Droge, war schön, ruhig, harmlos und harmonisch. Die, nun erheblich leichtere Wirkung der Droge hielt an. Die Bäume und Sträucher erblühten in einem Grün wie ich es noch nie gesehen hatte. Alles war voller Leben, voller praller Lebensenergie, plastisch wie nie zuvor. Wir waren in einer gemeinsamen Stille, die keine Worte brauchte, und unsere Augen hielten wortlosen Kontakt. Wir wussten, „wir sind da“, ohne zu wissen wo, aber doch im ewigen Raum, leicht abseits der normalen Realität und doch nicht getrennt von ihr.
Ja, und wir sahen die Welt, all die anderen Menschen in ihren Tätigkeiten, in ihrem Tun und alle kamen uns sehr unbewusst und fremdgesteuert vor. So, als hätten sie fast kein Bewusstsein. Und Sprache war dazu nicht nötig, wir kommunizierten absolut wortlos in der Stille des Augenblicks. Ein Heuriger[3], etwas essen – himmlisches Essen. Wir waren einfach hier und jetzt. Wie nie zuvor. In einer Einheit mit dem Ganzen und der gesamten Schöpfung. Nunja, vielleicht nicht gleich die ganze Schöpfung, aber zumindest mit dem Raum, in dem wir waren, in dem wir uns bewegten. Zumindest der Garten, in dem wir saßen ... – die gewöhnliche Umgebung halt. Vielleicht waren wir ja auch nur Eins mit uns Selbst ...
Später ist mir einmal mit Gudrun etwas sehr merkwürdiges passiert: Auf unserer Abschlussparty, ich nannte sie „Sterbe-Party“ weil ich davon ausging, dass der, der nach Indien ging, nicht mehr zurückkommen wird (was ja dann gewissermaßen auch der Fall war), trank ich reichlich, und nahm dann mit Freunden erstmals etwas Speed zu mir, eine Droge, die ich danach, soweit ich mich erinnere, nie mehr nahm. Hatte sie doch nicht die Wirkung, die mir versprochen wurde: Absolute Nüchternheit vom Alkoholrausch. Und das, obwohl ich sie mit MDMA und einer kleinen Dosis Kokain mischte. Nach diesem Satz ist der Leser vielleicht geneigt, hier ein Buch von einem richtig typischen Drogenjunkie in der Hand zu halten. Dem ist nicht so. Das war mein zweites Kokain, und alle Kokainkonsumationen meines Lebens kann ich an einer Hand abzählen. Aber ja, damals lebte ich neugierig und intensiv. Vor allem neugierig nach dieser „anderen Welt“, dieser „Parallelwelt“. Und ich möchte in diesem Buch nichts zurückhalten.
Nun, nachdem dieses Gemisch einsetzte, ging ich etwas abseits herum und traf Gudrun. Sie hatte keine einzige Droge genommen, und trotzdem war sie „DA“. Genau an dem Ort, an dem ich auch war. In eben dieser – für mich damals – „Parallelwelt“, die ich nur von den wenigen Drogentrips her kannte. Ich sagte erstaunt: „Hey, du bist DA, du bist ja auch DA.“. Und sie sagte, fast nebenbei: „Ja, ich bin immer DA“. Das erschütterte mich, habe ich aber in letzter Konsequenz damals nicht verstanden.
Nach dem Tod ihres Mannes war Gudrun mindestens ein halbes Jahr lang in einem Ausnahmezustand. Das Leben war leicht und sie „schwebte“ durchs Leben. So hatte sie es mir zumindest in Mexiko einmal erklärt. Keiner hatte verstanden, warum sie nicht in tiefer Trauer war. Sie kannte das Geheimnis, konnte und wollte es aber nicht kommunizieren. Auch mir gegenüber sagte sie erst viel viel später, dass sie in dieser Zeit, ja, man könnte es so nennen, in einer Art „Satori“[4] war. Es war zwar noch keine endgültige Erleuchtung (eigentlich fehlte nur die Gewissheit, dass DAS eben DAS ist...), aber ja, sie war mir jedenfalls weit weit voraus. Und das passte so gar nicht in mein Konzept. Denn eigentlich wollte ich derjenige sein, der voraus ging. Also habe ich diesen Umstand fortan möglichst ignoriert und erinnerte mich lieber meiner Göttlichkeit am Berg.
Das zuvor beschriebene Erlebnis auf diesem Berg und die Ruhe und Harmonie der darauffolgenden Tage, ja selbst die Liebe und Verliebtheit die wir damals empfanden, haben wir danach, gemeinsam, nie mehr wieder gefunden. Auch nicht mit Hilfe von Drogen. Alleine: Ja. Alleine sind wir jeder noch viel weiter gegangen, aber was das Gemeinsame betrifft war damals unser Höhepunkt. Und selbst auf dieser Abschlussparty konnte sie mein wiederholt und aus voller Brust gestammeltes „Ich liebe Dich“ schon lange nicht mehr hören.
Varanasi
Eigentlich wollten wir nur 2 Tage in Varanasi[5] bleiben. In Österreich hatten wir einige Wochen vor unserer Abreise noch eine Open-Air-Veranstaltung in Wiesen besucht, bekannt für seine tagelangen Jazz-, Reggae- und Worldmusik-Festivals. Ein Ort mit meist süßlichem Duft und Rauch in der Luft (...), mit indischen Snacks, mit Zelten und Lagerfeuer, Trommeln und Didgeridoos. Und dort, auf der Bühne, spielte ein gar nicht so alter Inder grandios die Tabla[6], ein Instrument (manche halten sie gar für eine „Trommel“) dass ich noch nie hörte und dessen Klänge mich verzauberten und überraschten. Nach seinem Auftritt gab er uns seine indische Visitenkarte und meinte, wir sollten ihn doch auf unserer Reise besuchen.
Nun, da waren wir. Auf dem Weg zum Meer, endlich Meer, endlich Sand, endlich baden, endlich tropische Ansichtskartenträume erfüllen, wenn nicht der Weg von Rishikesh[7] nach Orissa[8] alleine mit der Bahn locker 60 bis 70 Stunden dauern würde. Ja, Indien ist groß, gleicht einem Kontinent, und die alte englische Eisenbahn ist nicht nur oft überfüllt, sondern auch langsam.
Angekommen waren wir ein ganzes und ein halbes Monat zuvor in Bombay, nach langem anstrengendem Flug, und meine Flugangst machte Gudrun schwer zu schaffen. Sie wollte einen starken festen Mann und Partner zum anlehnen, der konnte ich nicht sein, der war ich nicht und das war bitter. Der starke Gewittergott vom Berg ein ängstliches Häufchen Elend zehntausend Meter über festem Boden. Frau will Frau sein, Frau will fallen, Frau will gehalten werden – da passt so ein Angsthase nicht ins Konzept.
Bombays Slums gaben uns einen ersten Eindruck von Indien: Wir kamen in der Nacht an, das Taxi fuhr quer durch die Stadt, überall Menschen schlafend auf den Gehsteigen. Müll und Gestank. Armut pur. Nichts von den bunten Saris, von den tollen Früchten, den vielen bunten Tüchern, den duftenden Räucherstäbchen die wir in unseren Tantraseminaren verwandten, um möglichst eine „indische“ Atmosphäre zu schaffen. Das war einmal ein anderes Indien, ein ganz anderes Indien. Vor allem ein „reales“ Indien.
Gut, wir wollten ohnehin gleich direkt nach Poona. Viele andere Teilnehmer unserer Seminare und Gruppen waren Osho[9]- Sannyasin[10] und uns erschien der Ort – zumindest in den Hochglanz-Prospekten die nach Europa geschickt wurden – wie ein einziges Paradies. Meditationshallen, Selbsterfahrungsgruppen, Psychospirituelle Seminare – alles was unser Herz begehrte. Tropische Zen-Gärten, vegetarische Vollwertkost, Tanz und natürlich: Das Gefühl wo dazuzugehören.
Nun, dieses Gefühl kam nicht recht auf. Wir nahmen zwar an einem kleinen, viertägigen QiGong[11]-Seminar teil, aber in diesen Ort von fast 100 Prozent Singles und Polygamität konnten wir uns einfach nicht fallen lassen. Oder zumindest ich konnte es nicht. Ich war rasend eifersüchtig, eifersüchtig auf all die Offenheit, mit der Andere uns zu begegnen suchten, nun ja, vor allem mit der andere Männer Gudrun – zumindest in meiner Fantasie – zu begegnen suchten. Irgendwie projizierte ich all meine Göttinnenträume und all meine „das perfekte tantrische Paar“ - Träume in diese Beziehung. Teilen? Unmöglich. Nur wenige Monate zuvor war ich noch das genaue Gegenteil. Seit Jahren „stolzer, eifersuchtsfreier Tantriker“ - bei Sarah grenzenlos tolerant, Eifersucht hatte für mich nur mit Besitzdenken und Verlustängsten zu tun (und nichts mit Liebe), und nun das. Nun ja, ich wollte ja der Meister in Gudrun’s Ashram sein ... – Konkurrenz: ausgeschlossen. So spielt eben das Leben, erreichtes zerrinnt in den Fingern sobald man es festzuhalten versucht.
Wir meldeten uns noch für ein tantrisches Paar-Seminar an, es hieß, typisch für Poona und typisch für Meditierende „Staying alone together“ (frei übersetzt: „Bei sich bleiben in der Beziehung“), es ging also darum, während man zwar physisch zusammen ist sein eigenes Zentrum nicht zu verlassen, also nicht so sehr in den Partner, nicht so sehr in das Außen zu gehen, authentisch im Selbst zu bleiben, sich nicht im Partner zu verlieren.
Nun, gut und schön, aber auch das war so gar nicht nach meinem damaligen Geschmack. Ich wollte mich ja eher im Gegenteil voll und Ganz in Gudrun verlieren, ich war verliebt, und ich wollte in dieser Liebe aufgehen. Dass von ihrer Seite nicht die selben Motivationen vorhanden waren, sah ich als einen Irrtum der Natur, als eine psychische Schwäche ihrerseits („einlassen können“), als Defizit, das es zu heilen und auszugleichen galt. Ich war mir in meinen Irrtümern sehr sicher. Ja, ich hätte aus dem Stand jederzeit ein Konzept für ein „romantisches Gegenseminar“ „staying together alone“ (frei übersetzt: „Geistige Verbundenheit auch bei physischer Trennung“) kreieren können. Heute weiß ich: Beides ist wahr, beides ist okay zu seiner Zeit, mit den jeweils richtigen Partnern, es gibt da einfach kein richtig und kein falsch. Und Konzepte sind ja sehr oft nicht unbedingt das, was das Leben spielt, sondern bisweilen nur romantische oder logisch-stimmige Vorstellungen.
Ab in den Norden:
Es war klar, dieses Seminar konnten wir nicht gemeinsam machen, und so beschlossen wir nach etwas mehr als drei Wochen Poona, nach Norden weiterzuziehen. Ursprünglich hatten wir vor, hauptsächlich Südindien zu bereisen, und die nächste Station wäre Goa gewesen, also Meer und tropische Strände, doch haben wir uns zuwenig vorbereitet um zu wissen, dass im August Südindien von schweren Monsun-Regenfällen heimgesucht wird. Deshalb musste dieser Traum nun einmal aufgeschoben werden, deshalb Norden, und da es schon am Weg lag, besuchten wir den Taj Mahal[12] in Agra.
Agra war wieder eine typisch indische Stadt. Nein, sie war noch typischer als indisch: sie war eine typische indische Touristenstadt. Soll heißen: Nepp pur. Die Taxifahrer sind kaum zu bewegen, auf der Route zu bleiben, kleine „Abkürzungen“ mit zwei Stunden Umweg durch ein paar Teppichgeschäfte (zum Provisions-finanziellen Wohl der Taxifahrer) sind die Regel. Dafür lernt man auch gleich die Familie kennen und alle erwarten großzügiges Trinkgeld. Gut, wenigstens wirklich günstiges Marihuana hat er uns besorgt, nachdem Poona so spirituell korrekt war, war dies für mich wieder eine willkommene hippiemässige Abwechslung.
Heutzutage ist der Nepp staatlich genehmigt, westliche Touristen zahlen um mehrere 1000 Prozentpunkte höheren Eintritt in den Taj Mahal als Inder, damals durften wir aber noch brav in der gewöhnlichen Warteschlange stehen und indischen Eintritt bezahlen. Gudrun kaufte sich einen Sari und fühlte sich alsbald als halbe Inderin – irgendwie war mit ihren blonden Haaren und dem edlen, seidigen Stoff das Bild aber doch etwas albern.
Tja, und viele viele Angebote unsere Reiseversicherung zu betrügen gab es auch. Einfach ein paar Tage krank schreiben, man erhält dann freie Kost und Logier, vielleicht noch ein Taschengeld und der Arzt kassiert das Geld von der Versicherung. Pech, wenn es die Versicherung in Europa dann zurückverlangt, wie ich von manchen hörte. Pech auch, wenn der Krankheit für unwillige Versicherungsbetrüger ein bisschen nachgeholfen wird, z.b. durch vergiftetes Essen im Hotel.
Aus diesen und anderen Gründen war uns Agra gerade mal vier Tage wert. Aber ich erinnere mich an ein wirklich köstliches indisches Mahl in einem Luxusrestaurant (für Touristen) und nein, das Essen war auch nicht vergiftet sondern tatsächlich außergewöhnlich schmackhaft und luxuriös. Speisen wie ein Maharaja[13].
In Agra trafen wir nach Vermittlung auch auf einen Yogi, der außergewöhnliche Bewusstseinszustände kannte, aber auch einen Laden besaß. Der Laden war nicht gut beleuchtet, und so kauften wir einen Wandteppich um stolze 100 Euro. Woanders kauft man ähnliche Werke um ein Zehntel des Preises, aber er war angeblich schon über 20 Jahre alt (...) (was für diese Art von Wandteppichen ein außergewöhnlich hohes Alter sei) und entweder besitzt Gudrun jetzt eine wirklich einzigartige mystische Rarität, oder ein Ladenbesitzer in Agra konnte für ein Monat seinen Laden dicht machen und feiern gehen. Ich wünsche ihr ersteres, denn nach unserer Trennung nahm ich die gemeinsame Kamera und sie das Wandbild. (Sie war trotzdem die Klügere, denn die Kamera wurde ein paar Monate später gestohlen ...).
Nach Rishikesh:
Nun, nach den vier Tagen Agra ging es weiter zur Hauptstadt des Yoga, Rishikesh. Schon die Beatles waren hier, und so war ich sicher, hier einen Yogi anzutreffen, der uns doch endlich mal ein bisschen fortgeschrittene Techniken lehrt. Durch eine Reihe von Zufällen fanden wir diesen sogar: Abseits, kein richtiger Ashram sondern eine Verköstigungsstelle für Arme, ein soziales Werk also, und der Yogi war ein Meister des Kechari-Mudra: In höchster Vollendung wird dabei die Zunge hinten im Rachen nach oben geführt, und dies soll einen Samadhi-artigen Zustand auslösen, möglicherweise durch den Druck auf bestimmte Drüsen im oberen Rachenraum. Als er uns diese Technik demonstrierte, wäre er wirklich fast auf der Stelle umgefallen. Erreicht wird diese Kunst allerdings durch eine unangenehme Verstümmelung (Durchtrennung) des unteren Zungenhäutchens, das über Monate hinweg täglich mit einer Rasierklinge fein beschnitten wird und mit Salz berieben, damit die Wunde nicht heilen kann. Dadurch, und durch weitere Dehnung der Zunge ist es dann möglich, die Zunge eben hinten hochzustülpen. Geschmackssache.
Nun, ich war dem nicht ganz abgeneigt, aber der Yogi prahlte damit, seit 20 Jahren keine Frau mehr berührt zu haben und das widersprach wiederum unseren tantrischen Gedanken. Zudem wollte er mir von Kundalini-Yoga nichts preisgeben, nun ja, er war eben ein Hatha-Yogi und wollte, dass ich zuerst brav jahrelang Hatha-Yoga übe. Ein jeder Yogi hält sein Yoga für das Beste. Ich wollte aber hoch hinaus, und dafür hatte ich nicht jahrelang Zeit eingeplant. Zudem hielt ich mich selbst schon fortgeschritten genug für höhere Weihen, er hatte mich also mitten in mein Ego-Herz getroffen. Oder er hatte von Kundalini keinen Tau. Da das Leben perfekt spielt, gehe ich von Beidem aus.
Rishikesh war auch der Ort an dem Gudrun und ich (vorwiegend Gudrun) beschlossen, dass unsere Beziehung jetzt einmal auf Eis gelegt würde, und nur mehr Freundschaft wäre. Notgedrungen habe ich mich dem gefügt, wenn auch mit innerem Widerspruch, wenn auch mit einer gehörigen Portion Hoffnung „aufgeschoben sei nicht aufgehoben“. Dass es aber aufgehoben war, musste ich später schrittweise und bitter erkennen.
Nun gut, alles Gründe Rishikesh zu verlassen. Es dürstete uns abermals nach Meer und Sonne, und so beschlossen wir, Richtung Orissa an der Ostküste aufzubrechen. Da diese Reise im Zug mehrere Tage dauern würde, und Varanasi am Weg lag, erinnerten wir uns der Visitenkarte vom Tablaspieler, den wir in Österreich kennen lernten. Gut, Varanasi, ein paar Tage Rast. Viel wusste ich damals noch nicht über diese Stadt, und ich sollte mich unsterblich in sie verlieben.
Aus zwei Tagen wurden zwei Monate. Erst ein Monat Tabla-Unterricht, dann ein Monat intensivstes Kundalini-Yoga. Aber der Reihe nach:
Beim Tablaspieler:
Nach unserer Ankunft ließen wir uns erst mal in einem beliebigen, von einem Taxifahrer empfohlenen Hotel nieder, am nächsten Tag suchten wir unseren neuen Freund auf, und nach wenigen Minuten und seinem Angebot war klar, ich möchte ebenfalls dieses alte klassische Instrument erlernen. Nun, erlernen ist dabei wohl übertrieben. Er, der Lehrer, war zwar etwas jünger als ich, doch hatte er schon fast 30 Jahre Tablaspiel, täglich im Schnitt 8 Stunden, in seinen Fingern. Er war nicht nur ein begnadeter Künstler, nein, er hatte auch einen Preis dafür zu bezahlen: Der rechte Ringfinger, der beim Spiel meist immer auf der Schlagfläche ruht, war um locker ein ganzes Fingerglied verkürzt. Verstümmelt sozusagen.
Mir war zwar klar, dass ich meine Leben lang nicht diese Perfektion, nichtmal einen Teil dieser Perfektion erreichen würde, aber wer spielt in Europa schon Tabla? So rechnete ich mir doch aus, zu Hause vielleicht, mit viel Übung, doch den Einen oder Anderen meiner Bekannten beeindrucken zu können. Was mir nicht klar war: Dass diese beiden Welten, dieses Indien und dieses „zu Hause“ entfernter nicht sein könnten. Nicht geografisch, vielmehr kulturell, spirituell, psychisch, geistig, esoterisch, ja, man könnte glatt auch von einem gänzlich anderen Planeten oder Jahrhundert sprechen.
Einen kleinen Teil war ich in dieses Indien schon eingetaucht, und dass sich zu Hause wohl niemand für Tabla interessieren würde, konnte ich mir nicht vorstellen. Für die zu Hause gebliebenen war es wohl so, als würde ich nur einen verlängerten Urlaub machen. Eine Reise. So, wie alle reisen. Vorgebucht, vielleicht mit Club und Animation. Das tat ich früher auch – aber Länder und Sitten hatte ich dadurch keine kennengelernt. Nein, in all meinen Reisen zuvor war es zwar auch schön warm, die Sonne schien, ein Meer war da – aber im wesentlichen befand ich mich immer mittendrin in Mitteleuropa, habe die Heimat, die Lebensart nie verlassen.
Hier war das anders und ich merkte es noch nicht einmal. Es geht so langsam, so selbstverständlich, so subtil und unscheinbar. Man entfernt sich immer mehr, täglich nur ganz wenige, unscheinbare seelische Millimeter – und kehrt man dann nach Monaten zurück, hat man in Summe sich selbst um 180 Grad verkehrt und auf den Kopf gestellt. Und glaubt, alle anderen hätten sich verändert in dieser kurzen Zeit, oder Planeten wurden ausgetauscht, Realitäten, Zeiten – ein gänzlich anderer Film. Und gerade dadurch wird er sichtbar. Der Film. Das ganze Leben als beliebiger, austauschbarer Film. Und jeder spielt selbst seine eigene Hauptrolle. Und ist doch immer der Selbe. Die Konstanz, das bin ich. Auch wenn alle meinten, ich hätte mich verändert. Wie sollte ich mich wirklich jemals ändern? Ich, der Hauptdarsteller, der Schauspieler, der innerste Kern: Immer der Selbe – egal in welcher Rolle, egal mit welchen Eigenheiten, egal in welcher Geschwindigkeit – schneller Westen, langsamer Osten. Der, der auf der Zeitlinie reitet, egal wie schnell, ist immer der Selbe.
Nun ja – wir waren beim Tablaspieler ... – Er hieß Kailash, und er war ein gesellschaftlich und finanziell aufstrebender moderner Inder. In Varanasi heißt „moderner Inder“, wenn man einen Motorroller besitzt, Jeans trägt, eine Sonnenbrille, ein leicht westlicher Haarschnitt ähnlich der Filmstars aus Bollywood[14]. Und das heißt auch, wie Kailash stolz erzählte, dass er seiner Frau geradezu vorkämpferische eheliche Freiheiten gestattete: Sie durfte einmal pro Woche alleine eine Stunde aus dem Haus (zum Einkauf), und sie durfte ein oder zweimal jährlich alleine die Familie ihrer Eltern besuchen. Aufgrund dieser Umstände nannte er sich einen „extrem modernen, liberalen und toleranten Ehemann“.
Natürlich entsprach dies nicht ganz unseren angestammten Wertvorstellungen, und wir fragten nach, was die Inderinnen wohl denken würden, wenn sie all die manchmal auch alleinreisenden westlichen Touristinnen sehen würden. Die Antwort war für Kailash völlig klar: Die Westlerinnen ohne Mann würden den Inderinnen schrecklich leid tun. Eine Frau, die ohne Mann auf der Straße gehen muss, kann nur eine sehr sehr arme Frau sein. Oder eine Prostituierte. Oder eine Witwe. Was es früher, als noch Witwenverbrennung üblich war, kaum gab. Nun, Gudrun war eine Witwe, doch das wussten sie natürlich nicht.
Jedenfalls: Ein ganzes Monat lang nahm ich intensiv Tabla-Unterricht, fast jeden Tag war ich bei Kailash, übte neue Sequenzen und irgendwann, als ich meine Finger endlich losließ, klang es sogar recht gut. Irgendwann nahte dann Gudrun’s Geburtstag und ich hatte keine Ahnung, was ich ihr schenken sollte. Also schenkte ich einfach: Nichts. Das war nicht der einzige Grund, warum wir uns trennten, aber doch erst mal zumindest ein Anlass.
Ich kann mich noch gut erinnern: Wir breiteten alle Sachen, die wir gemeinsam besaßen am Bett aus, und jeder nahm sich der Reihe nach, was ihm lieb war, möglichst nach gleichem Wert. Am Ende blieb oben erwähnter Wandteppich und der gemeinsame Fotoapparat übrig. Der Wandteppich hatte etwas Gemeinsames, da er eine tantrische Vereinigung darstellte. Doch gerade deshalb wollte ich ihn nicht. Keine traurigen, quälenden Erinnerungen. Der Fotoapparat war für mich neutraler – und auch Gudrun war mit dieser Wahl zufrieden. Sie packte ihre Sachen: Und weg war sie.
Ich bin ein Raucher. Seit meinem 13. Lebensjahr rauche ich regelmäßig Zigaretten. Anfangs war es nur die eine Zigarette nach der Schule, und nichtmal täglich, und wahrscheinlich um zu zeigen wie erwachsen ich schon bin. Oder wie mutig. Oder heute sagt man: Wie cool. Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht wollte ich auch nur meinem Vater eines auswischen, der mir – selbst starker Raucher – das Rauchen verbot.
Auch hier kann ich mich gut erinnern: Ich mag vielleicht drei oder vier - eher drei - Jahre alt gewesen sein, saß mein Vater in seinem Fauteuil, lässig seine Zigarette rauchend, und dann meinte er, ich soll mal anziehen, damit ich weiß, wie grausig das schmecke. Ich habe keine Ahnung mehr, ob ich einen Lungenzug machte. Ich weiß auch nicht mehr, ob ich hustete. Auf jeden Fall hatte der Versuch keinen Erfolg. Schon mit fünf oder sechs Jahren stahl ich meine erste Packung Zigaretten... – nunja, stehlen ist übertrieben, mein Vater ließ immer beim Wirten aufschreiben und zahlte dann die Rechnungen monatlich. Und mich schickte er dann – geldlos – um Bier und Zigaretten. Es war ein leichtes, mal eine Packung heimlich zu erschwindeln. Die rauchte ich dann versteckt hinter seiner Bienenhütte, eine nach der anderen – wahrscheinlich nicht auf Lunge. Als meine Großmutter mich erwischte, war mir schon längst schlecht.
Vielleicht verstand ich auch nur nicht, was an diesen Zigaretten toll sein soll, wo sie doch gar nicht so gut schmeckten. Aber irgendwas muss es ja sein, oder? Also versuchte ich eine nach der anderen. Heute bin ich schwer nikotinsüchtig – und genieße das Rauchen sogar. Es schmeckt mir. Ich kann nicht sagen, was mir dabei schmeckt, aber ja, es schmeckt mir.
Einmal, als meine zweite Frau schwanger war, hörte ich, zwar geplanterweise, aber doch von einem Tag zum anderen damit auf. Und rauchte immerhin ganze zwei Jahre lang nicht ein einziges Mal. Ich war ein absolut militanter Nichtraucher. Ich duldete keinen Rauch in meiner Nähe. Weder zu Hause, noch im Büro. Alleine vom kalten Rauch wurde mir schon schlecht. Und den Rauch anderer einzuatmen, war ein Horror. Ich konnte nicht verstehen, wie so was schmecken soll. Und meine Freunde schickte ich selbst am kältesten Wintertag raus auf die Terrasse. Ich war – ganz klar – ein Nichtraucher geworden.
Ebenfalls meine zweite Frau war es, die mich zum Rauchen wieder verführte. Sie wurde selbst verführt, von ihrer Schwester, ja, und diese allererste Zigarette nach zwei Jahren, bei einem Glas Sekt, das war die beste Zigarette, die ich je in meinem Leben geraucht habe. Es hat ganz, ja wirklich ganz anders geschmeckt, als das bloße passive Mitrauchen. Ja, und die nächsten Monate dachte ich, ich könne es ‚kontrollieren’, also nur Abends eine, vielleicht zwei Zigaretten. Es ging eine Weile gut, doch irgendwann, mit Freunden, mittags ... – usw. usw. Und bald war ich wieder genau dort, wo ich aufgehört hatte.
Warum ich das erwähne ?? Nun, Gudrun war eingefleischte Nichtraucherin. Ab und zu rauchte sie mit mir Marihuana, aber auch da war ihr lieber, sie konnte es mit Kräutern mischen, denn mit Tabak. Sie konnte Tabak nicht ab. Und so war es nur selbstverständlich, dass ich irgendwann ihr zuliebe (und weil es ja gesund sein soll) mit dem Rauchen aufhörte. Und das geschah ebenfalls in Varanasi, bald nach unserer Ankunft, stieg ich auf „Biddi“ um. Biddi sind indische kleine Naturzigaretten, ohne Papier, der Tabak wird in Blätter gewickelt. Und sie schmecken sehr aromatisch. Sind extrem billig, und ich dachte nach ein paar Wochen Biddi könnte ich es dann überhaupt sein lassen.
Das war für mich eine große Sache, immerhin rauchte ich inzwischen wieder seit einigen Jahren – und so machte ich ein Ritual und steckte die letzte Biddi in den Sand am Ufer des heiligen Flusses Ganges.
Ab dieser Minute war ich wohl gereizt. Das kannte ich schon von meiner ersten Nikotinentwöhnung. Kalter Schweiß, innerer Stress, genervt, leicht reizbar, Unruhe. Das übliche. Dauert ein paar Tage, dann ist es vorbei. Und aus meiner subjektiven Sicht machte mir Gudrun diese Tage zur Hölle. Ich weiß auch nicht mehr warum, vielleicht machte sie ja auch gar nichts – aber meine Gereiztheit fand kein ausgeglichenes oder wohlwollend verständnisvolles Gegenüber. Ich fühlte mich im Regen alleine stehen gelassen mit meiner Entwöhnung. Das hatte ich seinerzeit bei Gertraud, meiner zweiten Frau, ganz anders erlebt. Und zumindest unbewusst, eher wohl bewusst, verglich ich diese beiden Verhaltensweisen – und fühlte mich weder geliebt, noch sonst was. Nichtmal mehr Freundschaft.
Und dann war sie weg ...
Und ich wusste nichtmal wohin ...
Nicht mal, ob sie noch in der Stadt sei – oder weitergereist (wie sie mir sagte).
Und ich wollte nicht wieder zu Rauchen beginnen. Trennung – fremde Stadt – keine Freunde. Es war ein Horror !! Ich rauchte Marihuana. Soviel, wie ich normalerweise Tabak rauchte. Marihuana pur. Ein Jilam[15] nach dem anderen. Und wandelte in den Strassen herum. Ich glaube ich war in der Pizzeria. Nun ja, in Varanasi, am Ufer des Ganges, gab es oder gibt es ein indisches Restaurant, wo auch Pizza serviert wird. Das sieht so aus: Chapatti[16], fertig gebacken, darauf etwas (kalte) Tomatensoße oder Ketchup, ein bisschen indischer Käse, fertig. Aber in Indien ist so was eine willkommene Abwechslung. Denn diese tollen indischen Restaurants, die es bei uns gibt, kann man in manchen Städten vergebens suchen.
Mit dieser Gaststätte ist auch eine andere Erinnerung verbunden: Wir, also Gudrun und ich saßen mal dort, und ich blickte auf den weiten Ganges hinaus – das Lokal lag direkt am Fluss. Tja, und plötzlich: Ich war mir nicht sicher und sagte noch nichts. Da – schon wieder. Unglaublich: Ich hatte Delfine aus dem Ganges springen gesehen. Ich schwöre: Ich war nicht auf irgendwelchen Drogen. Auch der Zigarettenentzug kann es nicht gewesen sein. Viel später, es mögen sogar Monate später gewesen sein, las ich in einem Buch von den Flussdelphinen im Ganges, die man in Varanasi beobachten kann. Also war ich nicht verrückt.
Gut, dass ich nicht verrückt war, glaubte ich ohnehin. Für mich war das einfach so: Aha – dort springen Delphine aus dem Wasser. Und ich wollte das Gudrun zeigen, sie teilhaben lassen. Ist ja doch ungewöhnlich, und mit Delphinen verband uns auch eine gemeinsame Erinnerung an das Seminar in Mexiko, wo wir mal mit der ganzen Gruppe einen Delphin-Ausflug machten. Gudrun schaute nichtmal hin. Sie weigerte sich, dorthin zu sehen, wo ich Delphine sah. Sie erklärte mich für verrückt, oder sie glaubte, ich wolle sie veralbern. Ja, sie war sogar sehr ungehalten, dass ich solche Geschichten erfinden würde. Vielleicht dachte sie ja auch nur, ich spinne.
Nun ja, ich weiß nicht mehr, ob dies vor oder während meinem Nikotinentzug war. Aber Grund für mich, verärgert zu sein, war es allemal. Und vielleicht war es ja erst nach der Trennung ??
Ja, Gudrun war noch in der Stadt.
Ich brauchte zwei oder drei Tage, um sie zu finden. Eigentlich war es logisch, doch aus irgendeinem Grund für mich nicht sofort offensichtlich. Als wir mal, ganz zu Anfang, in der Stadt spazierten, fiel uns ein Schild auf: „Kundalini-Tantra“. Ein richtiges Werbeschild, nein, nicht Schild, es war eine richtige Werbetafel. Hoch über einer belebten Einkaufsstrasse. Gerade das (in Indien nur selten verwendete) Neonlicht hätte noch gefehlt. ‚Nö – das kann’s nicht sein. Wer Werbung macht, kann nicht gut sein’. Abgehackt. Naja – da kannte ich die indische Seele noch nicht so gut. Außerdem war ich zum Tabla lernen hier (...)
Wenn ich mich recht erinnere, waren wir auch einmal gemeinsam dort und sprachen mit dem dort ansässigen „Guru“. Es war ein sehr großes und nobles Haus, Der Guru sehr freundlich, seine Frau sehr geschäftstüchtig. Am Eingang hängte Werbung, Zeitungsausschnitte mit Madonna (ja, die amerikanische Popsängerin). Guru hatte mal mit ihr telefoniert, denn zu dieser Zeit war ihre CD „Rays of Light“ erschienen, und ein Song war als Mantra in der Sprache Sanskrit gesungen. Guru hatte sich darüber beschwert, dass ihre Aussprache nicht korrekt war. Ich fand das lächerlich. Und überall stand, wie toll dieser Guru sei. Für mich: Pure Angeberei. Also schied er als Lehrer für mich mal aus.
Für Gudrun schied er nicht aus. Und nachdem wir uns trennten, hat sie sich sofort dort einquartiert. Als ich nach zwei Tagen auftauchte, war ihre Reaktion eine ambivalente Mischung zwischen „so lange hast du gebraucht“ und „hättest du mir nicht noch ein paar Tage mehr Zeit lassen können?“.
Was blieb mir anderes übrig, als ebenfalls Unterricht bei Guruji zu nehmen ?? Ebenfalls dort einzuziehen? Und: Er war gut !!
Dr. Vagish Shastri war in seinen 70ern. Er war schon in Pension, zuvor war er jahrzehntelang Professor und Direktor für die Sanskrit-Abteilung in der Hindi-Universität Varanasi, der größten und traditionellsten ihrer Art. Er hatte viele Bücher geschrieben, an der Wand hingen Bilder, die ihn mit einem seinerzeitigen indischen Vizepräsidenten zeigten, er war ein Gelehrter und in ganz Varanasi und vielen Teilen von Indien bekannt. Seine Biografie erschien im amerikanischen „Who is Who in the World“ (1982), er hatte Europa bereist, und überall auf der Welt seine Schüler. Vorwiegend Sanskrit-Schüler, denn er hatte eine einzigartige Methode entdeckt, um Sanskrit zu lehren. Er nannte sie „Mnemoniks-Methode“. Ja, er war eine der Welt-Kapazitäten was die alte Mantrasprache betrifft. Laut seiner Aussage war es sogar seine Muttersprache. Ja, und kürzlich las ich irgendwo, dass Sanskrit zwar als Muttersprache für ausgestorben gilt, aber: „mit wenigen Ausnahmen“. Vielleicht war er ja eine solche.
Glückstreffer. Viele internationale Studenten kamen nur seinetwegen und weilten monate-, oft jahrelang in Varanasi, besuchten seine Kurse und Lehrgänge, auch noch als er schon in Pension war, dann eben privat in seinem noblen Haus. Und Kundalini-Tantra war sein Steckenpferd, seine private Spinnerei. Da hatte er nur wenig Schüler, und ich war nun einer davon. Gemeinsam mit Gudrun. Jeden Tag Unterricht, Privatsitzung, nur wir beide.
Er kannte als Gelehrter nicht nur die Veden und alle anderen indischen Schriften und Tantras[17] in und auswendig, er war auch in jungen Jahren als wandernder Sannyasin, also als asketischer Bettelmönch (auch aus dieser Zeit hingen Bilder an den Wänden) unterwegs, auf der Suche nach Gott oder göttlicher Erkenntnis. Und die traf ihn auch – irgendwo in den Wäldern zu Nepal. Zuvor war er mit zehn Jahren eingeweiht worden, und später wurde er, wie man in Indien sagt „von seinem Satguru erleuchtet“, einem gewissen Paramahansa Swami Rama MangalaDasa. Die Inder lieben Titel ... (sein eigener, voll ausgeschrieben: Mahamahopadhyaya Acharya Dr. Vagish Shastri (B.P.T.) )
Als diese ‚spirituelle Angelegenheit’ also erledigt war, kehrte er zurück und seine Familie wollte ihn verheiraten. Er wusste nicht wozu – hatte er doch alles gefunden, was er suchte und brauchte. Doch sie meinten, eine Frau hätte auch ‚diverse Vorteile’. Damit war wohl kochen und Wäsche waschen gemeint – ich weiß es nicht – jedenfalls willigte er ein, und ja, auch er wurde von den Vorzügen eines Ehelebens überzeugt. So überzeugt, dass er zwei Söhne zeugte, eine richtige Familie gründete, und somit ein „Householder-Yogi“ wurde. Eine Tradition, die in Varanasi seit jeher Bedeutung hatte. Auch die Linie von Yogananda[18] begann mit einem Householder-Yogi aus Varanasi (Lahiri Mashwiri, 1828-1895).
Doch blieb er „Tantriker“, und zeugte auch noch andere Kinder, im Wissen seiner Frau, für die das selbstverständlich war („er ist doch ein Tantriker, das ist ja ganz normal“). Die künftigen Mütter standen angeblich Schlange, um von ihm ein Kind gezeugt zu erhalten. Und er tat es „nur für die Frauen“, denn „selber brauch ich das nicht“. Im Nachhinein betrachtet kann ich das sogar glauben und verstehen.
Jedenfalls war Kundalini-Tantra seine große Liebe, die er allerdings nie zum Beruf machte, sondern ihr nur gleich einer Berufung folgte – und sich jenen, die danach fragten, als Lehrer zur Verfügung stellte. Und seine Frau führte das Haus, die Betonung liegt auf: FÜHREN. Sie war der Chef, der Führer, er war in seiner Lehrerkammer, ja, fast könnte man sagen: ‚eingesperrt’. Das war sein Reich, dort, mit all seinen Büchern konnte er einfach nur der Lehrer und Forscher sein, außerhalb dessen hatte nur ‚Mataji’, wie sie sich nennen ließ, das sagen.
Das Haus hatte viele leere Zimmer, die für etwaige Gäste reserviert waren, Gudrun und ich wählten zwei kleine Hütten am Dach, die ebenfalls extra als Gästeräume gedacht waren. Wir hatten also Familienanschluss, jeden Tag unsere Lehrstunde mit Guruji, den Rest der Zeit verbrachten wir großteils alleine am Dach mit Übungen und sogar das Essen nahmen wir mit der Familie ein. Beide Söhne waren verheiratet, es gab zwei Enkelinnen im Vorschul- bzw. Volksschulalter, die oft durch das Haus rannten und freudig spielten. Ich erwachte oft um fünf Uhr morgens, begann mit meinen Meditationen, machte meine neu erlernten Yoga-Übungen und so verging die Zeit.
Eindrucksvoll erinnere ich mich, als ich einmal morgens am Dach mit geschlossenen Augen mein Morgen-Yoga zelebrierte. Als ich nach mindestens 30 Minuten, vielleicht sogar einer Stunde, die Augen öffnete, saß eine große Affenfamilie schweigend im Halbkreis um mich. Affen auf den Dächern sind in Varanasi so selbstverständlich wie bei uns Tauben. Doch das, ja, das war wirklich beeindruckend, für mich schockierend, und doch gleichzeitig einzigartig und erfüllend.
Über die Lehren, die ich von Guruji erhielt, habe ich ohnehin schon ein ganzes Buch[19] geschrieben, da ist hier nicht viel dazu zu sagen. Ich hatte viele außergewöhnliche spirituelle Erlebnisse, viele energetische Erfahrungen, Guruji sang Mantras und tanzte um mich während ich meditierte (er konnte in seinem Alter auch noch eindrucksvolle Yoga-Positionen demonstrieren, die mein Körper nie in der Lage war, nachzuahmen), initiierte, klärte (meinen Geist) und erklärte die alten Überlieferungen (wie sie wirklich gemeint waren), gab mir inneres Verständnis und setzte meine einzelnen Wissens-Bruchstücke zusammen, sodass alles ein perfektes, logisch abgerundetes und einleuchtendes Bild ergab.
Anfangs noch zeigten wir ihm unsere Skripten, jene der „fortgeschrittenen Methoden“ des tantrischen Kriya-Yogas, das wir kannten, er las sie über Nacht und urteilte am nächsten Tag, fast abfällig oder belustigt: „Anfängerstuff“. Ja, und im Nachhinein kann ich nur sagen: Er hatte Recht. Trotzdem hätte ich ihn wohl nicht verstanden, wenn ich nicht schon mit Vorwissen gekommen wäre. Und ich glaube, auch er war beglückt jemanden diese Dinge unterrichten zu dürfen, an jemanden das Wissen weitergeben zu können. Zumindest möchte ich das gerne glauben *g*
Schließlich, nach ein paar Wochen, kam der Zeitpunkt der Initiation. Wir besprachen noch vorher, welche Namen wir bekommen sollten, wir kauften Gewänder am Markt und Mataji, also Gurus Ehefrau, begleitete uns, damit wir gemeinsam ein schönes Präsent für Guruji finden können, da es Brauch ist, dem Guru zur Einweihung etwas zu schenken. Die Rede war von einer goldenen Uhr.
Ja, und das war Mataji: Im Juwelierladen war plötzlich keine Rede mehr von einer Herrenuhr. Plötzlich ging es um Damenschmuck, goldene Ohrringe, oder eine Kette, oder ein Ring. Ich weiß es nicht mehr, jedenfalls war unser Geschenk an Guruji schließlich ein Geschenk an seine Frau. Alle waren damit glücklich und einverstanden – Guruji war das völlig egal.
Ein Priester wurde besorgt (Guruji ist zwar Brahmane, aber ein Gelehrter, kein Ritualpriester, diese Funktion haben wieder andere), Mantren wurden gesunden, endlose Gebete aufgesagt, Kräuter und Früchte am Altar geopfert, Räucherungen durchgeführt, Segnungen und was weiß ich noch alles. Dann gab es – wahrscheinlich – ein Festmahl (daran kann ich mich nicht mehr erinnern), und am Abend ein Konzert – nur für uns – mit einigen der besten professionellen Musikern Varanasis für klassische indische Hausmusik.
Naja – und natürlich, während des Hauptteils erhielt ich meinen spirituellen Ordens-Namen („Devananda“), samt persönlichem Mantra (Kali-Mantra-Deeksha[20]) sowie Yantra[21]. Daneben mehrere Mala’s[22] für verschiedene Zwecke, persönliches Sandelholz und einen Reibstein für eben dieses Holz, um mit Wasser die typische Sandelholzpasta, die jeden morgen an die Stirn gemalt wird, mischen zu können. Insgesamt also meine „Yogi-Utensilien“. Ja, nun war ich ein initiierter Yogi, Mitglied im alten Orden der Nath.
Schon ein paar Tage vor der Initiation erklärte mir Guruji die Nath-Linie. Ich hatte bis dahin noch nie davon gehört, eigentlich war ich ja hauptsächlich an meinem neuen spirituellen Namen interessiert. „Naatha“ war dann sozusagen der Familienname, der Name der Gruppenzugehörigkeit. Ein Zusatz, der dann im übrigen auf Visitenkarten nicht gedruckt wird ;-) – so ganz habe ich das alles damals noch nicht verstanden. Er zeigte mir zwar meinen Stammbaum, also seine unmittelbaren Vorgänger, und er meinte auch, dass der Nath-Orden bis zur Zeit der Rishis[23] rückreichte und eigentlicher Begründer und Überlieferer der ganzen Kundalini-Lehre seien, die in alten Zeiten „Vagyoga“ hieß. Er meinte, „gewisse Wissende“ würden dann durch meinen Namenszusatz auch wissen „woher ich komme und zu welcher Gruppe ich zugehörig sei“.
Als Sanskrit-Experte war er zudem darauf bedacht, dass ich den Namen vokalorientiert (und auch grammatikalisch) richtig schrieb, also „Naatha“ und nicht etwa nur „Nath“. Erst viel später hörte ich all die Geschichten über Nath-Yogis. Und erst bei meinem Rückflug, einige Monate später, am Flughafen wartend, stieß ich auf ein Buch über die Theorie, dass z.b. Jesus angeblich vor und/oder nach seiner Kreuzigung in Indien gewesen wäre und dabei als Nath-Yogi eingeweiht wurde ...
Für mich war das allerdings vorerst einfach nur mal ein Name. Endlich auch so ein exotisch klingender indischer Name, wie in so viele meiner Bekannten in Europa schon führten. Ja, eigentlich war ein kleiner Traum in Erfüllung gegangen.
Und noch etwas ging in Erfüllung: Ich wollte ja eine Ausbildung als Lehrer oder Kursleiter. In all den vielen tantrischen und nicht-tantrischen Seminaren die ich machte ging es immer nur um Selbsterfahrung. Um Entwicklung. Oder um Therapie. Um Techniken, die ich selbst anwenden wollte und angewendet habe – an mir. Aber ich wollte auch Lehrer sein, ich wollte dafür eine Legitimation. Bei unseren Tantrakursen machte ich aus unerfindlichen Gründen immer einen Bogen um die Lehrerausbildung. Fast alle, die mit mir begonnen hatten, waren schon längst selbst Lehrer. Auch bei den fortgeschrittenen Kursen waren außer mir fast nur Lehrer. Dies wollte ich nachholen. Und ich wollte etwas Besonderes für mich. Die Ausbildung bei Guruji war also auch eine Lehrerausbildung. Was ich mir unbedingt durch eine Urkunde bestätigen lassen wollte.
Neben all den traditionellen Geschenken der Initiation verlangte ich also auch eine Urkunde !! Das muß auf Guruji sehr lustig gewirkt haben. Doch ich bekam sie – wunderschön, das Druckpapier aus der Universitätsdruckerei, *räusper* ... „entliehen“ – und es wurde auch ausgemacht, welche Techniken ich nun weitergeben darf, und welche ich für mich behalten sollte. Dass dieses ‚westlich’ geprägte Begehren für Guruji vielleicht lustig war, hat mich nicht gekümmert. Er war ja ein Universitätsprofessor mit vielen westlichen Schülern – derartiges also gewohnt. Für ihn waren wir sogar – menschlich gesehen – recht einfache Schüler. Er konnte mit uns ganz normal umgehen. Als ich einmal bei ihm im Lehrerzimmer war, kamen ein paar Inder kurz herein, und machten all diese üblichen indischen Respektbezeugungen, wie z.b. seinen Fuß berühren, manche durch ihre Stirn. Als diese gegangen waren, lachte er darüber und sagte uns: „Ja, also ihr braucht das nicht machen – das sind halt die indischen Angewohnheiten“. Trotzdem: Zu Beginn jeder Sitzung mussten (und wollten) wir singen: „Jaye Guru Deva – Jaye Guru Deva – Jaye Guru Deva – Jaye Guru Devaaaaaaa“ ...
Jaye Guru Deva !!
Als Kundalini- oder Yogalehrer war ich allerdings nie tätig. Als ich Guruji ein Jahr später noch mal besuchte - mittlerweile war ich selbst erwacht, hatte also die Erfahrung die man „spirituelles Erwachen“ nennt, hinter mir - war ich gerade und schon monatelang im „mystischen Zustand der spirituellen Verzückung“. Er blickte mir nur kurz in die Augen und sagte: „You have improved“ (in Etwa: „Du hast Fortschritte gemacht“) – und verabschiedete mich dann mit dem expliziten Lehrauftrag „You should teach“ („Du solltest lehren“). Nun, wenigstens habe ich Bücher geschrieben. Wenngleich die Lehrtätigkeit in diesem Fall gar nicht so sehr für Andere wichtig (gewesen) wäre, sondern für mich selbst. Die Betonung lag hier also auf „solltest“ ... – nun gut, mittlerweile bin ich wenigstens so eine Art „Satsang-Lehrer“ ...
Zurück ins Jahr 1998, Anfang November: In Varanasi wurde es langsam kühler, der Monsun war endgültig vorüber, der Auftrag war erfüllt – und Urlaub war angesagt !! Wir machten Pläne, guckten wieder auf unsere Landkarten und es war gewiss: Es geht weiter Richtung Osten, dort ist das Meer nicht weit. Auch mit Guruji haben wir darüber gesprochen, er ist ein exzellenter Reiseratgeber (wie ich auch das Jahr danach noch feststellen durfte) und zeigte uns Fotos von Puri in Orissa, wo er mal mit seiner Frau Urlaub am Meer machte.
Puri
Puri ist ein heiliger Ort. Nunja, fast alle Orte in Indien sind heilige Orte, aber es gibt eben auch die *wirklich-wirklich* „heiligen Orte“. Dazu zählen eben „die Stadt des Lichts“ Varanasi, „die Stadt der Yogis“ Rishikesh, und Puri, nun, ich würd mal übertrieben sagen: „Die Stadt Shivas und seiner heiligen Pflanze“.
Puri ist einer der wenigen Orte in Indien, wo der Genuss von Cannabis nicht nur erlaubt ist, sondern wo „Bang“, eine spezielle Verarbeitungsart, sogar legal von „Government-Shops“ zum Kauf und Genuss angeboten wird. Dies liegt u.a. daran, dass viele Saddhus, indische Wandermönche deren Gott vor allem Shiva ist, in diese Stadt reisen, zum großen heiligen Tempel dort, und Saddhus waren von je her „Kiffer“. Für sie ist Cannabis einfach nur die „heilige Pflanze Shiva’s“ und sie benutzen sie in Kombination mit yogischen und tantrischen asketischen Übungen. Je älter ein Saddhu, desto weniger raucht er, desto einfacher erreicht er außergewöhnliche Zustände durch Meditation. Wenn er noch älter ist, erreicht er sogar den ganz normalen „gewöhnlichen Zustand“ (eines Menschen). Dann ist jeder spirituelle Trip in ihm sozusagen gestorben.
Da Saddhus nicht arbeiten sondern bettelnd durch das Land ziehen (als „heilige Männer“), haben sie viel Zeit neben spirituellen Texten auch Sprachen, Philosophie, Geschichte und vieles mehr in einer Perfektion zu erlernen, die im Westen ob des Lebensstils gar nicht mehr möglich ist. So traf ich Saddhus die perfekt Latein oder Alt-Griechisch sprachen, römische Geschichte in- und auswendig konnten und vieles mehr.
Die ersten Tage in Puri waren davon geprägt, erst mal wieder zu streiten, getrennte Wohnungen zu beziehen und das ersehnte Meer ausgiebig zu genießen.
Orissa ist eine der ärmsten Staaten in Indien – und hier wohnen auch sehr viele „Tribal-People“, also Ureinwohner mit dunklerer Hautfarbe die so wie in Afrika als Stämme hausen; ein Freund von mir, Roberto, Italiener, den ich damals in Puri kennenlernte, hatte zum Beispiel mal sieben Jahre mit einem Stamm gelebt, der (noch?) kein Wort für das persönliche „Ich“ kannte. Manche der Ur-Religionen haben sich mit dem Hinduismus vermischt, und so rein generell kann man sagen, dass Orissa ganz stark von einem „Kali-Kult“ durchzogen ist. Kali gilt ebenfalls als Shivas Frau, und wird hier oft mordlüsternd als „Verrückte Wütende in der Welt während Shiva schläft“ dargestellt – oft mit schwarzer Hautfarbe, oft mit abgeschlagenen Köpfen, ihre Mala ist eine Totenkopfmala – und dementsprechend hatte ich hier mehr und mehr den Eindruck, mitten in einem Woodoo-Gebiet gelandet zu sein.
Alles war durchtränkt von dieser Magie, diesem Kult – allerorts Angebote, mich zu irgendeinem geheimnisvollen Guru zu bringen, der im Namen Kali’s dieses und jenes geopfert hätte – nun, keine Früchte, auch keine Tiere – hier wurde mitunter von Kinder- und Frauenopfern gesprochen – von ausgestochenen Augen die am Altar für Kali hingegeben wurden, zum Beispiel für ein höheres Alter, von abgehackten Penissen im Rahmen eines Kali-Rituals (den zugehörigen Saddhu habe ich auch persönlich kennengelernt), u.v.a.m.
So nimmt es nicht Wunder, dass, als ich mit Garima, wie Gudrun sich seid der Initiation nennen ließ, gleich zu Beginn einen kleinen Streit bezüglich Eifersucht hatte, mir doch glatt angeboten wurde, den Kontrahenten für mich „aus dem Weg“ zu schaffen. Ja doch – hier war von Mord die Rede. Die Leute konnten mich also gleich zu Beginn sehr gut leiden – und waren „auf meiner Seite“ – das hatte wohl entweder die Ursache in meiner Offenheit und Nicht-Wertung, meinem Interesse, meiner Freundlichkeit – oder einfach nur Naivität.
Und so offenbarte sich vieles. Einmal wurde ich von einem alten Fischer in seinem Fischerdorf herumgeführt, und er zeigte mir in der Dämmerung voller Stolz seinen Kali-Altar, mir ins Ohr flüsternd: „Kali mag Fisch, Kali mag Fleisch, und manchmal ....“ – und dann wurde seine Stimme leise und geheimnisvoll und inbrünstig – „ ... manchmal will Kali Blut“. Nachdem wir innerhalb der ersten Tage die Wohnsituation klärten und zwei Appartements nebeneinander bezogen, gingen die Dinge einfach von Selbst ihren Lauf. Da waren erst mal die Wohnungen selbst: Außerordentlich günstig, jeweils ganze Doppelbetten mit Moskitonetz und angeschlossenen Bädern um einen knappen Euro pro Tag – da war das günstige Essen: Beispielsweise frisch gefangte Riesengarnelen zum wirklich satt essen – die Portion, fertig gegrillt und garniert um etwas mehr als 2 Euro – ich war einfach nur: Begeistert !!!
Da war endlich ein Sand-Strand, ein kleiner Abschnitt wo sich die wenigen Touristen tummelten und es möglich war, das Meer und die Wellen zu genießen, ohne sich in jenen menschlichen Fäkalien zu wälzen, die nur ein paar Meter, na gut, vielleicht sogar ein paar 100 Meter weiter mit dem Strand gemeinsam die öffentliche Toilette bildeten. Was gar nicht störte – ich fühlte mich urig, geerdet, naturverbunden. Und die Inder waren freundlich – oder eben vollgesogen mit Bang.
Gut erinnern kann ich mich an die vielen Malereien, die fast täglich auf die Straßen gezaubert wurden mit Farbpulver, dass hernach der Wind verwehte – oder der noch leicht vorhandene Monsun wegwusch. Gut erinnern auch an ein Vollmondfest, dass früh am Morgen, lange vor Sonnenaufgang begann – alle Inder der Umgebung direkt am Strand befindlich, Schiffchen bauend mit Kerzen darin – um sie dem Meer zu opfern. Mit Frühstücksgelegenheiten, warmen Tee – einfach nur: fantastisch. Eine Erinnerung die man ein Leben lang behält.
Gut erinnern ebenfalls an die Tage, wo wir mit dem geborgten Moped Ausflüge die Küste entlang und auch ins Landesinnere machten und eine Natur kennenlernen durften, die schöner nicht sein konnte.
Gut erinnern an den Genuss der Früchte der Lotusblume frisch vom Markt. An den Besuch eines Zoos, wo innen in Käfigen Affen gehalten wurden, die die selben waren, wie sie außen an eben diesen Käfigen in freier Natur herumhangen und in den Bäumen sprangen. Merkwürdiger indischer Geist. Und ganz gut kann ich mich auch an einen Tempelbesuch erinnern – eine riesige Anlage zu Ehren von Shiva etwas nördlich von Puri – und an den Deutschen, der dort als buddhistischer Mönch in einem Erdloch hauste, seit vielen Jahrzehnten, und mir von seinen Abenteuern und seinen spirituellen Erkenntnissen erzählte – aber auch von den Problemen mit der alten Mutter zu Hause, die er erst vor wenigen Jahren noch mal besucht hatte. Ja, auch Buddhisten waren dort anzutreffen, nicht zu wenige.
Unter Tags also entweder unterwegs, oder am Meer – Abends in immer dem selben einen Lokal direkt am Strand, wo sich die handvoll Touristen zu dieser Zeit dann traf. Roberto habe ich schon erwähnt, ein Italiener mittleren Alters der Orissa wie seine Westentasche kannte, und uns Abends mit Klängen von seiner Gitarre und seinem Saxophon unterhielt.
In eben diesem Lokal trank ich auch mein erstes Bang-Lassi. Einfach ein Joghurt-Getränk, und statt Bananen oder Mangos oder Kokos oder Ananas in diesem Fall eben mit ein paar Haschisch-Schoten vermengt – keine starke Wirkung, dafür länger anhaltend im Vergleich zur rauchenden Einnahme. Nun ja – das war ja eben auch noch die harmlose Form für westliche Touristen wie mich. Die Form für westliche Abenteurer und Spinner wie mich: sollte ich erst später kennenlernen.
Irgendwann in diesen Tagen habe ich Shiva kennengelernt. Ein Junge von etwas 14 oder 15 Jahren, klein gewachsen, und er nannte sich eben „Shiva“ – vielleicht sogar sein wirklicher Name. Er hat mich wohl am Strand angesprochen, vielleicht sogar bei diesem Vollmondfest, vielleicht wollte er mir etwas verkaufen, ich weiß aber nicht mehr was – nein, eigentlich kann ich mich an keine Waren erinnern.
Später erfuhr ich von anderen, dass dieser Shiva, also der Junge, sich auch schon an homosexuelle Sex-Touristen verkauft hatte – ich selbst erhielt aber, gottlob, niemals ein eindeutiges, und auch kein zweideutiges Angebot von ihm. Hätte ich sicherlich auch nicht angenommen – mir war nach spirituellen Abenteuern. Das muss er wohl intuitiv erkannt haben, und hat mir gleich als wir uns kennenlernten von einer 7köpfigen Kobra mit 2köpfigen Kindern erzählt, die irgendwo in einem Tempelteich den er kennt hausen sollte. Mir konnte man zu dieser Zeit fast alles erzählen, um mich neugierig zu machen. Genauso gut hätte er mir das Versteck von Schneewittchen mit den sieben Zwergen anbieten können – ich wäre ihm gefolgt, ich habe an diesen Tagen, ausgespaced von all diesen Eindrücken, einfach alles für möglich gehalten. Hätte mich gut als Opfer aller Art geeignet. Naiv und gutgläubig, so naiv, dass man offensichtlich als Narr des Tarot durchgeht und göttlichen Schutz genießt. Und so hörte dieses Offenbaren einfach nicht auf – im Gegenteil, nun begann es erst so richtig.
Wir vereinbarten einen Tag – Gudrun und ich waren bereit zu sehen, was auch immer er uns zeigen wollte – und so fuhren wir zu dritt mit der Fahrrad-Rikscha in die Stadt. Irgendwann waren wir bei einem Tempel – inmitten des Tempels ein großer angelegter Teich – das Wasser extrem trüb und grün – und weit und breit keine Kobra zu sehen. Nun gut, viel mehr hatten wir auch nicht erwartet. Zu seiner Verteidigung muss ich hinzufügen, dass ich mich nicht erinnern kann, dass wir irgendeinen Bakschisch ausgemacht hatten – also keinen Lohn in Gegenwert von Geld – und so gab es auch keinen, nichtmal freiwillig. Er meinte einfach nur lapidar, dass das Wasser wohl heute zu trüb war ...
Ob der nächste Schritte wirklich geplant war, vorher abgesprochen, oder sich als Ersatzprogramm angeboten hat, weiß ich nicht mehr.
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Fortsetzung folgt ...
Dieses Buch muss erst
fertiggestellt werden.
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Fussnoten:
[1] OWK: Erleuchtung - the real is Illusion, the Illusion is real [2] Yoni = indisch/tantrisch für weibliche Scheide [3] Heuriger = In Österreich ein Gasthaus mit Gastgarten, wo bevorzugt in geselligem Zusammensein Wein getrunken und gespeist wird. [4] Satori: im Zen-Buddhismus Bezeichnung für (zumindest vorrübergehendes) spirituelles Erwachen [5] Varanasi: Heiliger indischer Ort, früher „Benares". Wurde schon in den Veden (heilige indische Schriften) erwähnt. Ort des Lichts, Ort von Shiva, Ort des Lebens und Ort des Todes. Viele Inder pilgern zum Sterben nach Varanasi, um an den Ghats zum Ganges verbrannt zu werden und ihre Asche dem heiligen Fluss anzuvertrauen. Sie erhoffen sich dadurch einen direkten Weg ins Nirwana und somit ein Ende des Rads der Wiedergeburten. Bekannt ist Varanasi auch, da in unmittelbarer Nähe Buddha seine ersten Lehrreden hielt (in Sarnath, einem der größten buddhistischen Wallfahrtsorte), und schon damals, also vor 2500 Jahren, war Varanasi als heilige Stadt des Lichts bekannt. Sie ist gleichzeitig auch ein Hauptort der klassischen indischen Musik und Kunst, der Bildung (größte Hindi-Universität Indiens), sowie bekannt für ihre edlen Saris aus reiner Seide. [6] Tabla: Indisches rhythmisches Musikinstrument [7] Rishikesh: Stadt in Nordindien, bekannt für seine vielen Yoga-Ashrams. Ort von Sivananda (Divine Life Society), Mahesh Yogi (Guru der Beatles), u.a. [8] Orissa: Indischer Staat an der Ostküste, unterhalb Bengalen. [9] Osho: Früher (in den 70ern): Bhagwan. Sektengründer, Rolls-Besitzer, Tantra-Meister, Mystiker, spiritueller Lehrer. Noch früher (in den 50ern und 60ern) Student und später Professor für Philosophie an der Universität Jaipulpur. [10] Sannyasin: Bezeichnung für „Jünger", aber auch für jemanden, der den spirituellen Pfad geht bzw. sich dem weltlichen Leben entzieht. [11] QiGong - chinesische Bewegungs- und Energielehre, ähnlich Tai Chi [12] Taj Mahal: Grabmal (Mausoleum) einer Herrschergattin; indisches Weltwunder an Architektur. [13] Maharaja: indischer Adelstitel: Großer (maha) König (raja) [14] Bollywood: Indische Filmindustrie, zweitgrößte der Welt [15] Jilam: längliche indische Marihuanapfeife [16] Chapatti: indisches Fladenbrot [17] Tantras: Gewisse alte indische Schriften werden ebenfalls „Tantra" genannt. [18] Yogananda: Bekannt durch u.a. „Autobiografie eines Yogi", Schüler von Sri Yukteswar Giri [19] OWK: Kundalini - das Erbe der Nath-Yogis [20] Kali-Mantra-Deeksha: Deeksha heißt in Indien Einweihung / Initiation, Kali ist eine indische Göttin, eine der vielen Bezeichnungen für eine/die Frau Shivas. Das Mantra und die Initiation wurde so ausgewählt, dass auch nach Initiation möglich bleibt, mit Frauen Sex zu haben oder Beziehungen einzugehen. Es gibt andere Formen der Initiation, wo diese Möglichkeiten ausscheiden. [21] Ein in Bronze gegossenes Symbol [22] Mala: Indische Gebetskette [23] Rishis: Die ersten indischen Gelehrten, Verfasser der Upanishaden, dem spirituellen Teil der Veden („indische Geheimlehre")
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Copyright 2005 - Edgar Hofer